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Interview des Botschafters Graf Lambsdorff mit RTVI

Botschafter Graf Lambsdorff im Interview mit RTVI

Botschafter Graf Lambsdorff im Interview mit RTVI, © RTVI

24.01.2024 - Interview

Botschafter Graf Lambsdorff über die Beziehungen zu Moskau, die Ukraine und seine Vorfahren aus Russland

Frage: Guten Tag, Herr Botschafter!

Antwort: Einen schönen guten Tag! Добрый день (auf Russisch)!

Fr.: Vielen Dank, dass Sie heute gekommen sind!

A.: Ich freue mich sehr, hier zu sein.

Fr.: Danke. Nun, Herr Botschafter, Sie arbeiten jetzt schon fast ein halbes Jahr in Moskau. Ich würde Sie gerne zu Ihren ersten Eindrücken befragen. Sie vertreten ein Land, das offiziell von der russischen Staatsmacht auf die Liste der „unfreundlichen“ Staaten gesetzt wurde. Wie ist es für Sie, unter diesen Umständen zu arbeiten?

A.: Also, wenn Sie erlauben, würde ich zu Beginn gern sagen, dass die Art und Weise, wie die russischen Kollegen mich empfangen haben, professionell war, und dass meine Beziehungen zum russischen Außenministerium immer korrekt waren. Ein anderer Punkt ist, dass der Kontakt mit dem RAM zurzeit hauptsächlich auf eine begrenzte Reihe von rein technischen Fragen reduziert ist. Fragen, die die Arbeit unserer Botschaft, unseres Konsulats, unserer Kultureinrichtungen betreffen – und das gleiche gilt für die russischen Diplomaten in Berlin. Leider ist das eine Folge der Kriegssituation in der Ukraine. Sie hat unseren bilateralen Beziehungen maßgeblichen Schaden zugefügt.

Fr.: Aber es bestehen nach wie vor in irgendeiner Weise Kontakte zu russischen Diplomaten und Vertretern des offiziellen Russlands?

A.: Ja, natürlich. Wir gehen davon aus, dass Russland und Deutschland die diplomatischen Beziehungen aufrechterhalten. Und es ist offensichtlich, dass ich mich hier mit Vertretern des offiziellen Russlands treffe, genau wie russische Diplomaten sich in Berlin mit Vertretern des offiziellen Deutschlands treffen – obwohl diese Kontakte bei Weitem eingeschränkter sind, als früher.

Fr.: Hatten Sie die Möglichkeit, außer Moskau noch andere Regionen Russlands zu besuchen?

A.: Ja, ich fahre bald nach Sankt Petersburg, wo Gedenkveranstaltungen zum Ende der Blockade von Leningrad vor 80 Jahren (am 27. Januar 1944 – Anm. von RTVI) stattfinden werden. Für uns Deutsche ist es sehr wichtig, zu unterstreichen, dass wir unsere Verantwortung für die damals durch die Wehrmacht begangenen Kriegsverbrechen nicht vergessen. Ohne jeden Zweifel werden wir uns auch künftig dieser Verantwortung bewusst sein. So viel zu den anstehenden Plänen. Außerdem war ich vor einiger Zeit in Woronesch und ein wenig in der Gegend um Moskau herum unterwegs. Aber generell habe ich es in den ersten Monaten nach meiner Ankunft hier noch nicht geschafft, viele andere Regionen Russlands zu besuchen – anders als in meiner Vergangenheit, als ich einige Monate in Sibirien verbracht habe.

Fr.: Sie waren Anfang der 2000-er in Sibirien, oder?

A.: Ende der Neunziger, genau gesagt, 1996. Ich habe zwei Monate in Академгородок (auf Russisch) gelebt und habe Russisch gelernt. Aber das ist lange her, und mein Russisch ist leider nicht so gut, wie ich mir das wünschen würde.

Fr.: Aber sie sprechen und verstehen ein bisschen?

A.: Чуть-чуть (auf Russisch). Ganz wenig. Ich verstehe ein bisschen Russisch, ich kann ein bisschen lesen, aber ich kann die Sprache bestimmt nicht in einem professionellen Setting anwenden.

Fr.: Wo wir davon sprechen: Was ist denn eigentlich ihr russisches Lieblingsbuch?

A.: Oh, ganz klar: Meister und Margarita. Ich habe alles gelesen, was Bulgakow geschrieben hat, auch die Memoiren seiner Frau. Ich denke, dass Michail Bulgakow einer der interessantesten und brilliantesten Schriftsteller der Weltliteratur ist, wirklich.

Fr.: Das heißt also, dass man Sie zu denjenigen zählen kann, die man mit dem Wort „Russlandversteher“ bezeichnet? („Ein Mensch, der Russland versteht“ – Anm. von RTVI)?

A.: Ja, aber dieser Begriff ist etwas zweideutig. „Russlandversteher“ bedeutet, wenn wörtlich übersetzt, „jemand, der Russland versteht“. Und das ist wunderbar. Ich meine: Zu versuchen, Russland zu verstehen – das ist mein Beruf. Und das ist meine Arbeit hier als deutscher Botschafter – das, was in Russland vor sich geht, zu analysieren. Das zu analysieren, was die russische Regierung macht und es Berlin zu erklären, damit Berlin mit Russland politisch richtig umgeht. Auf Deutsch hat das Wort „Russlandversteher“ jedoch einen abwertenden Beigeschmack. Es bezeichnet Menschen, die in Bezug auf die russische Regierung naiv sind. Und das ist etwas ganz Anderes. Russland und die russische Regierung sind nicht ein und dasselbe. Ich denke also, dass sehr wichtig ist, äußerst nüchtern an die Analyse der russischen Politik heranzugehen – ihre Kriegskampagnen, ihr Überfall auf die Ukraine, all diese Dinge, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Aber Russland und seinen geschichtlichen Hintergrund zu verstehen, seine Kultur und sein politisches Denken – das ist das, was wir tun müssen. Und das ist das, was mein Team an der Botschaft und ich jeden Tag versuchen.

Fr.: Und wie würden Sie die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland beschreiben? Haben Sie Ihrer Ansicht nach ihren Tiefpunkt erreicht oder noch nicht?

A.: Natürlich waren wir, wie auch anderer Länder, wirklich schockiert und tief enttäuscht, als Russland die Ukraine überfallen und damit den Krieg zurück nach Europa gebracht hat. Das gesamte System der europäischen Ordnung hat sich verändert und unsere bilateralen Beziehungen befinden Sie auf einem sehr tiefen Niveau, das ist absolut so. Wissen Sie, das ist ein Teil meiner Arbeit hier – die russische Staatsmacht daran zu erinnern, dass sie zur Achtung des Völkerrechts zurückkehren soll, dass sie die territoriale Integrität der Nachbarstaaten – besonders der Ukraine - wieder respektieren soll. Dass sie die Spezialoperation beenden muss, bei der Tag für Tag ukrainische Städte angegriffen werden. Zum neuen Jahr sind hunderte von Raketen und Drohnen über Charkow und anderen Städten in der Ukraine niedergegangen. Das ist eine furchtbare Situation, und in dieser Situation können wir natürlich nicht „Business as usual“ betreiben. Aber wir müssen das was passiert ganz genau verfolgen und uns damit auseinandersetzen, was die andere Seite macht. Darin liegt der Sinn der diplomatischen Arbeit.

Fr.: Können Sie sich vorstellen, dass die Beziehungen zwischen den beiden Ländern noch schlechter werden könnten? Ist ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland Ihrer Meinung möglich?

A.: Ich denke einstweilen, dass unserer Regierungen die richtige Entscheidung getroffen haben. Die deutsche und die russische Regierung haben sich dafür entschieden, die diplomatischen Beziehungen auf Botschafterebene aufrechtzuerhalten.

Fr.: Und deswegen sind sie hier?

A.: Und deswegen bin ich hier. Und deswegen ist der russische Botschafter in Berlin. Aber das gleiche gilt für Japan, für die USA, für Großbritannien, für Frankreich – wir alle müssen diplomatische Beziehungen unterhalten. Einfach deshalb, weil das das schlimmste, was passieren kann, die Einstellung der Diplomatie wäre, die das Fundament unserer Beziehungen bildet. In diesem Fall würden Missverständnisse, die Bedrohung einer verkehrten Interpretation dessen, was die andere Seite zu tun gedenkt, mehrfach auftreten. Und wenn Sie sich die Geschichte ansehen, können in internationalen Beziehungen Situationen, in denen eine Regierung eine andere Regierung falsch interpretiert, zu einem schrecklichen Missverständnis führen und das wiederum zur Eskalation. Deswegen denke ich: Obwohl die Situation der diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und etwa 140 Ländern, die die Aggression in der Ukraine verurteilen, wirklich sehr großen Schaden erfahren hat, ist es weiterhin wichtig, die Arbeit fortzusetzen.

Fr.: Sie sehen also, die diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland in naher Zukunft nicht abzubrechen drohen?

A.: Anzeichen dafür sehe ich weder in Berlin noch in Moskau.

Fr.: Zu den Worst-Case-Szenarien: Wie Sie wissen, hat die Bild-Zeitung ein sensationelles Leak eines geheimen Dokuments der Bundeswehr veröffentlicht. Diesem Dokument zufolge bereitet sich die Nato, insbesondere Deutschland, auf einen vollumfänglichen Krieg gegen Russland vor. Zu einer möglichen Eskalation könnte es schon diesen Oktober kommen, zum Krieg im Sommer 2025. Die Bundeswehr prognostiziert, dass Russland „die Ostflanke der Nato angreifen“ könnte. Das russische Außenministerium hat diese Leaks bereits mit großer Skepsis kommentiert. Was können Sie dazu sagen? Räumt Berlin tatsächlich ein, dass es zu einem solchen Szenario kommt?

A.: Nein (lacht). Ich habe den Artikel gelesen, weil ich mich morgens mit der Presse befasse. Die Bild ist eine Zeitung, in der Sie natürlich alles mit einem gewissen Zweifel betrachten müssen. Wichtig ist hier, dass es ein Dokument ist (sofern man das behaupten kann, ich selbst habe es nicht gesehen), in dem unterschiedliche Szenarien durchbesprochen werden. Und das ist das, was alle Verteidigungsbehörden machen, auch das Verteidigungsministerium hier in Moskau. Sie arbeiten immer [verschiedene] Szenarien durch. Solche Dinge bleiben immer innerhalb der Ministerien. Wenn eine Zeitung Zugang dazu erhält und darüber schreibt, führt das immer zu Ängsten und Nervosität. Ich möchte aber sagen, dass die Szenarien, die durchdacht werden, Verteidigungsszenarien sind, für den Fall einer möglichen Eskalation von russischer Seite, auf die die Nato reagieren müsste. Deswegen habe ich diesen Artikel gelesen. Ich muss hier aber eine gewisse Pause machen, denn ich haben das Dokument, auf das sich die Bild bezieht nicht gesehen. Ich habe nur den Artikel gelesen und bevor ich offizielle Kommentare abgeben kann, hätte ich gern Einsicht in das offizielle Dokument.

Fr.: Aber halten Sie so ein Szenario für kaum wahrscheinlich?

A.: Ja, natürlich. Ich möchte anmerken, dass die Bild eine ganze Reihe von Artikeln zu diesen Themen veröffentlicht hat. Ich weiß nicht, woher sie das Dokument haben, was [eigentlich] darin steht und ob es überhaupt existiert. Ich habe keine Ahnung. Man muss davon ausgehen, dass es existiert, ansonsten hätte die Zeitung nicht darüber berichtet. Aber die Szenarien darin sind sehr theoretisch und hypothetisch – wir erwarten, dass das nicht passieren wird.

Fr.: Der bewaffnete Konflikt in der Ukraine dauert nun schon seit fast zwei Jahren an – und es ist kein Ende in Sicht. Nein, es gibt nicht einmal die leisesten Anzeichen dafür, dass er „eingefroren“ werden könnte. Was für einen realistischen Ausweg sehen Sie? Räumt man in Deutschland die Möglichkeit ein, dass Verhandlungen geführt werden? Das ganze letzte Jahr hindurch sind in westlichen Medien Leaks darüber aufgetaucht, dass sie USA und ihre Verbündeten, Deutschland eingeschlossen, Kiew den Anstoß zu Verhandlungen mit Moskau zu geben, da auf dem Schlachtfeld keine Lösung in Sicht ist.

A.: Meiner Meinung nach ist es wichtig, mit einer ganz einfachen Wahrheit zu beginnen: In dem Augenblick, in dem Russland den Krieg beendet, ist der Krieg beendet. Von der Ukraine geht keine Bedrohung für Russland aus. Russland hat seinen Nachbarstaat angegriffen. In dem Augenblick, in dem Russland aufhört, zu kämpfen, ist der Krieg beendet.

Fr.: Und wie steht es mit Verhandlungen aus?

A.: Naja, in Berlin sieht man nicht, dass in Moskau ernsthafte Absichten bestehen, Verhandlungen aufzunehmen. Was wir sehen ist eine Kriegskampagne, die auf die Unterwerfung des Nachbarstaates zugunsten irgendeiner veralteten, illegitimen imperialen Idee abzielt. Ich sehe also aktuell hier in Moskau keinerlei Bestrebungen, zu verhandeln. In jedem Fall soll die Ukraine entscheiden, wann und in welcher Art und Weise sie mit Verhandlungen beginnen möchte. Es wird keine Verhandlungen zur Ukraine ohne die Ukraine geben. Sollten die Ukrainer beschließen, dass es an der Zeit ist, zur Beendigung des Krieges die Diplomatie einzubeziehen, unterstützen wir das. Aber kommen wir noch einmal zur Ausgangsposition zurück: Wenn Russland sich entscheidet, die Kampfhandlungen einzustellen, ist der Krieg beendet. Das Sterben hat ein Ende, das Morden hört auf, das Leiden ist beendet. Und ich bin hier, um unseren russischen Kollegen zu sagen: Die Beendigung des Krieges liegt völlig in den Händen Moskaus.

Fr.: Wie sieht es mit der militärischen Hilfe für die Ukraine aus? Deutschland ist nach wie vor der zweitgrößte Lieferant nach den USA, was die Menge der gelieferten Waffen betrifft. Aber wir wissen, dass die USA diese [Lieferungen] eingestellt hat, und es ist noch nicht bekannt, welche Position die US-Administration nach den Präsidentschaftswahlen im November vertreten wird. Ist die Bundesrepublik Deutschland bereit, an die Stelle der USA zu treten und das wegfallende Volumen an militärischer Hilfe für die Ukraine auszugleichen?

A.: Vor allem haben wir es mit einem Land zu tun, welches angegriffen wurde und sich laut der UN-Charta verteidigen darf. Andere Länder dürfen es dabei unterstützen, was sie auch machen. Nicht nur Deutschland oder die USA, sondern auch viele andere Länder helfen der Ukraine, sich zu verteidigen. Was Deutschland anbetrifft, so sehen wir, wie entschlossen die deutsche Regierung die Ukraine auch weiter unterstützen will. Weil die Ukraine nicht nur sich selber verteidigt – das liegt ja auf der Hand. Es sind die territoriale Integrität, die friedliche Beilegung von Konflikten und die Grundprinzipien der UN-Charta an sich, die sie verteidigt. Nämlich das, woran wir in Deutschland fest glauben. Wir wollen, dass der Frieden, die Rechtsstaatlichkeit und die UN-Charta uns als Basis bei der Gestaltung unseres internationalen Lebens dienen. Deswegen wird die Ukraine von Deutschland unterstützt. Allerdings werden die Länder, die der Ukraine helfen, keineswegs zu Kriegsparteien. Hier in Moskau hört man manchmal, dass Deutschland in den Krieg eingestiegen sei. Nein, wir helfen einem Land, eigene Grundprinzipien zu verteidigen. Was die USA anbetrifft, so finden dort im November Wahlen statt. Über ihren Ausgang möchte ich nicht spekulieren. Die US-Amerikaner haben es so schön formuliert: „Two Weeks is a Long Time in Politics“. Nun ist erst der Januar. Ich schlage vor, dass wir die Ereignisse abwarten und schauen dann, wie sich die Bevölkerung in den USA entscheiden wird.

Fr.: Das werden wir sicherlich tun. Zurück zum Thema Waffenhilfen für die Ukraine. Der deutsche Kanzler befindet sich gerade unter starkem Druck, insbesondere wegen der Anforderungen, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper bereitzustellen. Ihre Reichweite beträgt rund 500 Kilometer. Das bedeutet, dass sie auch das russische Territorium – bis tief ins Land – treffen können. Wird sich Berlin zu einer Bereitstellung von Taurus-Marschflugkörpern entschließen? (Am 17 Januar hat der Bundestag die Taurus-Lieferung an die Ukraine abgelehnt, wobei die Initiative nicht von der Regierung, sondern von der Opposition ausging – Anm. von RTVI)

A.: Berlin wird dazu eine Entscheidung treffen, aber es ist nicht an mir, darüber zu urteilen. Das wäre eine politische Entscheidung, die in Berlin getroffen werden soll, wo – wie Sie zurecht gesagt haben – nun heftig darüber debattiert wird. Manche politischen Kräfte würden diese Entscheidung unterstützten, andere sind hier eher skeptisch – das ist ja ein durchaus demokratischer Prozess. Wir haben eine öffentliche Debatte zu diesem Thema. Als Botschafter kann ich nur sagen, dass dies eine politische Entscheidung im Zuständigkeitsbereich der Regierung und des Kanzlers liegt. Ich kann das nicht weiter kommentieren.

Fr.: Nun zu unseren Wirtschafts- und Handelsbeziehung. Ihr Rückgang im Jahr 2022 war immens und ist noch nicht beendet. In den ersten sieben Monaten 2023 ist der Handel zwischen Deutschland und Russland um 76 Prozent eingebrochen, was laut Ökonomen 27 Mrd. Euro ausmacht.

A.: Das ist wahr.

Fr.: Das hatte natürlich auch Folgen für die russische Wirtschaft. Ich möchte Sie aber fragen, wie sich die Sanktionen und die Kappung der Handelsbeziehungen zu Russland auf die deutsche Wirtschaft ausgewirkt hat?

A.: Hier sind zwei Aspekte zu beachten. Einerseits war der russische Anteil an unseren Exporten immer gering. Angesichts des deutschen BIP ist das nicht sehr signifikant. Ja, Russland ist ein interessanter Markt, aber seine Wirtschaftsleistung ist mit der von Belgien, Niederlanden und Luxemburg vergleichbar. So ist der Rückgang unserer Exporte nach Russland kein großes Problem für Deutschland. Andererseits haben wir Erdöl und Erdgas aus Russland importiert. Dies ist nicht mehr der Fall. Für einen gewissen Zeitraum hatte es höhere Preise für Energieträger zur Folge, weil Gazprom seine Gaslieferung eingestellt hat und wir nach alternativen Lieferanten suchen mussten. Das hatte seine Auswirkungen, weil die Preise für Energieträger gestiegen sind und die Regierung zur Abfederung der Folgen dieser Auswirkungen sowohl für unsere Unternehmen, als auch für Privatverbraucher Maßnahmen treffen musste. Es ist klar, dass das nichts Positives war, allerdings hatte es auch eine positive Folge. Aus meiner Sicht ist es gut, dass wir unsere enorme Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten überwunden haben. Früher stammten 55 Prozent aller Gaslieferungen, die wir erhalten haben, aus Russland. Dann ist daraus eine Null geworden und wir mussten nach alternativen Lieferanten suchen – in den Niederlanden, in Norwegen, in den USA, in Algerien. Wir sind dabei, unsere Importe zu diversifizieren, was strategisch – angesichts der nationalen Souveränität – viel besser ist, weil man dann nicht mehr auf einen einzigen Lieferanten angewiesen ist. Sollte nun einer unserer Lieferanten Probleme mit seinen Lieferungen haben, wird sich das dann nicht so stark auf die Energiepreise auswirken, wie dies der Fall war, als Gazprom seine Lieferungen gestoppt hat.

Fr.: Aber Experten sprechen davon, dass der internationale Erdgasmarkt, insbesondere hinsichtlich der LNG-Lieferungen, die nun auch nach Deutschland kommen, instabil ist. Auch können wir nicht wissen, wie kalt der Winter in den nächsten Jahren in Deutschland sein wird – genauso mild wie in den zwei Jahren davor oder umgekehrt. In diesem Sinne sind Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit immer noch da.

A.: Ja, Ungewissheit gehört zum Leben (lacht). Norwegen liefert uns Erdgas über eine Pipeline, dasselbe tun die Niederlanden und aus den USA bekommen wir gewisse Mengen Flüssiggas. Früher waren das fast ausschließliche Pipeline-Lieferungen, nun ist es ein Mix von Lieferanten. Wir haben auch Lehren hinsichtlich unserer Gasvorräte gezogen. Übrigens ist es jetzt ziemlich kalt in Deutschland. Natürlich nicht so frostig, wie hier in Moskau, aber immerhin ziemlich kalt. Wir haben keinerlei Energieengpässe, die Preise sind stabil, alles läuft glatt, unsere Industrie hat genug Strom für ihre Produktion, und Bürgerinnen und Bürger können ihre Haushalte heizen. Hier gibt es keine Probleme. Ungewissheit ist immer da und wir müssen diese Prozesse steuern. Aber in der jetzigen Situation fühlen sich sowohl deutsche Unternehmen, als auch deutsche Verbraucher wohl.

Fr.: Ich habe mir einige Ergebnisse unterschiedlicher Studien angeschaut. Rund 70 Prozent der Deutschen unterstützen die Sanktionen gegen Russland. Allerding sind fast 30 Prozent, also kein geringer Anteil der Bevölkerung dagegen. Es sind meistens Anhänger der ultrarechten Alternative für Deutschland, die für die Aufhebung der Sanktionen sind. Erst neulich sind in Berlin, in Potsdam und in anderen Städten Tausende von Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die AfD zu demonstrieren. An einer solchen Aktion hat auch Kanzler Scholz persönlich teilgenommen. Soviel man beurteilen kann, hat man in Deutschland viel Angst davor, dass die AfD immer beliebter wird. Sehen Sie hier keinen Zusammenhang zwischen den gestiegenen Preisen für Energieträger, der Inflationen und der Zunahme von rechten Stimmungen? Ist das aus ihrer Sicht nicht mit der Sanktionspolitik der Regierung verbunden?

A.: Nein. Hier gibt es ein sehr wichtiges Detail, welches man nicht aus den Augen verlieren darf. Es war nicht Deutschland, das gesagt hat: „Wir stellen unsere Gasimporte aus Russland ein“, es war Gazprom, das kein Gas mehr liefern wollte. Das dürfen wir nicht vergessen. Am Anfang hat Gazprom über eine lange Zeit hinweg seine Lieferungen nach Deutschland reduziert und dabei so getan, als ob da Probleme mit einer Turbine (von Siemens – Anm. von RTVI) aufgetreten seien. Dann ist die Turbine in Sankt Petersburg eingetroffen, konnte aber nicht installiert werden und so ging es auch weiter. So gibt es hier keinen Zusammenhang zwischen den gestiegenen Preisen für Energieträger und den Sanktionen, weil diese ursprünglich Gazprom keineswegs betroffen haben. Das war die Entscheidung des Unternehmens, die Lieferungen nach Deutschland zu stoppen. Was das innenpolitische Leben in Deutschland betrifft, so ist es sehr rege. Hier laufen sehr intensive Diskussionen über den nationalen Weg, hier protestieren unsere Bauern. Aber das alles gehört zur Innenpolitik und als Botschafter darf ich das nicht kommentieren. Wenn Sie Berichte unserer Medien lesen, können Sie Vieles über diese unsere inneren Debatten lernen.

Fr.: Dann könnten Sie wahrscheinlich die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im Jahr 2022 kommentieren. Sind die Ermittlungen vorangekommen? Moskau hat bereits seinen Protest geäußert und Deutschland vorgeworfen, dass deutsche Behörden die Ergebnisse der Ermittlungen Russland nicht mitteilen. Gibt es dazu irgendeinen Austausch?

A.: Die jetzige Lage sieht so aus, dass sich mit den Ermittlungen das Büro des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe befasst. Dort hat man sich bisher zu möglichen Tätern (Nord-Stream-Saboteuren – Anm. von RTVI) öffentlich nicht geäußert. Man hat nicht festgestellt, wer dafür verantwortlich sein könnte. In diesem Fall wird in Dänemark, Schweden und Deutschland ermittelt, aber bislang konnte keines dieser Länder herausfinden, wer die Täter waren und ob ein Staat daran beteiligt war.

Fr.: Aber warum teilen die Deutschen gar keine Informationen mit ihren russischen Kollegen?

A.: Weil es sich um vertrauliche Ermittlungen handelt. Im Büro des Generalbundesanwalts, der ein Bestandteil des deutschen Rechtschutzsystems ist, werden solche Daten nicht geteilt. Ich kann Ihnen sagen, dass es nicht einmal mir gelungen ist, an diese Informationen zu gelangen, als ich Mitglied des Bundestags war. Der Generalbundesanwalt ist sehr unabhängig. Er ermittelt in diesem Fall. Sobald man Ergebnisse haben wird, wird man Sie teilen. Aber solange die Ermittlungen noch laufen, wird nichts geteilt, um sie nicht zu gefährden. Wenn man dort sagt: „Wir wissen dies und jenes, dann könnten die Verantwortlichen [wieder mal] etwas unternehmen. Deswegen macht man das nicht. Das ist ein sehr unabhängiges Prozedere. Da werden weder mit Berlin noch mit Moskau irgendwelche Informationen geteilt.

Fr.: Ja, aber der Fall ist mit dem russischen Eigentum, mit der russischen Infrastruktur verbunden. Selbstverständlich ist Moskau bestrebt, diese Informationen zu erhalten.

A.: Das kann ich nachvollziehen. Ebenfalls kann ich Ihnen sagen, dass man auch in Berlin diese Informationen angefragt hat. Karlsruhe wollte sie nicht preisgeben – so ist die Lage.

Fr.: Okay. Neulich hat die EU ihr 20. Sanktionspaket gegen Russland verhängt...

A.: Ihr Zwölftes!

Fr.: Stimmt, und was habe ich gesagt?

A.: “Ihr Zwanzigstes„.

Fr.: Оh, soweit sind wir noch nicht (lacht)!

A.: Nicht ganz (lacht)!

Fr.: Ihr zwölftes Paket. Also, es lässt eine Enteignung von russischen eingefroren Vermögenswerten “im öffentlichen Interesse„ zu. Es ist bekannt, dass Kanzler Scholz früher zugegeben hat, dass es nicht einfach sein wird, dafür eine rechtliche Grundlage zu finden. Hält Deutschland nun einen solchen Schritt für möglich? Wie steht das europäische Prinzip der Achtung des Eigentums dazu?

A.: Ja, der Kanzler hat sich sehr klar dazu geäußert und die deutsche Regierung hält sich daran, weil er unser Regierungschef ist. Wichtig es aber, auch zu beachten, dass Russland ganz offensichtlich Reparationen an die Ukraine wird zahlen müssen. Dies wurde auch in der Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen anerkannt, die den Überfall verurteilt hat. Im Dokument ist die Rede davon, dass Russland den zugefügten Schaden kompensieren soll. Wenn wir darauf schauen, wie Cherson, Charkiw, Kriwyj Rih, Kiew mit Raketen und Drohnen angegriffen werden, wenn wir auf Mariupol und andere Städte schauen, wird es offensichtlich, dass dieser Schaden immens hoch ist. Es kann sein, dass manche Vermögenswerte, die jetzt eingefroren sind, zu Entschädigungszwecken verwendet werden. Ich weiß nicht, wann und unter welchen Umständen das getan wird. Aber die UN-Mitgliedsstaaten haben sich dazu sehr klar geäußert.

Fr.: Das heißt, Sie halten es für möglich, dass Deutschland russisches Vermögen zugunsten von Ukraine beschlagnahmen könnte?

A.: Dazu wird eine Entscheidung der VN notwendig sein, es wird keine alleinige deutsche Entscheidung sein und sie wird auf internationaler Ebene getroffen werden. Wie ich bereits sagte, verurteilten 143 Länder in einer Resolution der Generalversammlung den Einmarsch und forderten, dass Russland zur Verantwortung gezogen wird (Anm. von RTVI: konkret haben 94 Mitglieder der VN-Generalversammlung Reparationszahlungen unterstützt, 143 stimmten für eine andere Resolution, in der Russland allgemein verurteilt wurde). Aber wir behaupten nicht, dass wir etwas konfiszieren wollen seitens der Bundesregierung. Das ist keine deutsche Entscheidung, der Bundeskanzler war da sehr klar.

Fr.: Und was ist mit dem Eigentum russischer Geschäftsleute, gegen die Sanktionen verhängt wurden? In einigen EU-Ländern hat die Beschlagnahmung ihrer Vermögen bereits begonnen. Können derartige Aufrufe auch in Deutschland Unterstützung finden? Soweit ich weiß, wird diese Praxis in Deutschland bisher nicht angewandt.

A.: Ja, und zwar genau deshalb, weil wir in Bezug auf die Einhaltung der Gesetze sehr umsichtig sind. Natürlich decken wir Unternehmer oder Firmen auf, die unter Sanktionen stehen. Und wenn Sanktionen Beschlagnahmung oder Einfrierung von Vermögenswerten vorsehen, werden deutsche Behörden sich damit befassen. Aber unser Land ist ein Rechtsstaat, und wenn so etwas passiert, hat jeder das Recht, Rechtsmittel einzulegen. Deshalb sind unsere Behörden in dieser Hinsicht sehr vorsichtig.

Fr.: Lassen Sie uns über Visa und Flüge sprechen. Wie wir wissen, wurde das erleichterte Visaregime zwischen Russland und der EU gegenseitig abgeschafft. Und doch ist es heute viel schwieriger, ein deutsches Schengen-Visum zu bekommen als eine französisches, italienisches oder spanisches. Es ist eine echte Herausforderung. Man braucht viel mehr Unterlagen, man braucht triftigere Gründe, um nach Deutschland einzureisen. Was denken Sie über die Situation, in der sich jetzt viele Russen befinden, die Europa lieben, die Europa vermissen, aber jetzt von Europa abgeschnitten sind? Ist es Ihrer Meinung nach, sagen wir, sinnvoll?

A.: Ja, natürlich. Ich halte es für sinnvoll, das ist die Politik meiner Regierung. Aber es ist mir sehr wichtig zu unterstreichen, dass wir weiterhin Visa erteilen, insbesondere denjenigen Russen, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen möchten. Wir stellen auch Visa zur Familienzusammenführung aus, Visa für Studenten, die zum Studium nach Deutschland gehen. Im Zusammenhang mit Schengen-Visa gibt es einen sehr unangenehmen Umstand, weil die russische Regierung in Bezug auf Deutschland eine “Deckelung„ hinsichtlich der Anzahl der Beschäftigten eingeführt hat, die wir hier einstellen können.

Fr.: Soweit ich weiß, war es eine Antwort auf die Ausweisung russischer Diplomaten.

A.: Nein, nein, nein! Die Ausweisungen waren gegenseitig und mehr oder weniger gleichwertig. In etwa die gleiche Anzahl an Diplomaten musste sowohl Moskau als auch Berlin verlassen. Aber dann hat Moskau eine einseitige Entscheidung getroffen, die unseres Erachtens unnötig und unfreundlich war. Die russische Seite beschloss, eine Einschränkung bezüglich der Anzahl der Mitarbeiter einzuführen, die in unseren Vertretungen in ganz Russland arbeiten dürfen (Anm. des RTVI: 350 Personen). Aber wir haben noch das Konsulat in Sankt Petersburg, wir haben die Schulen, wir haben das Goethe Institut. Und so mussten wir an der Botschaft uns von einer gewissen Anzahl von Mitarbeitern trennen, einer durchaus erklecklichen Anzahl. Es waren geachtete Kollegen, die gehen mussten, nicht weil sie etwas falsch gemacht hätten, sondern einfach weil wir Personal reduzieren mussten. Und wenn Sie vom Schengen-Verfahren sprechen, so waren leider auch viele Mitarbeiter unseres Konsulats von der Kürzung betroffen, deshalb ist das Visumsverfahren jetzt deutlich zeitintensiver.

Fr.: Haben Sie Informationen darüber, wie viel Russen in etwa im vergangenen Jahr deutsche Visa bekommen haben?

A.: Das müsste ich prüfen. Ich will keine Zahlen nennen, um keine Kaffeesatzleserei zu betreiben.

Fr.: In Ordnung, aber meinen Sie, dass es mit der Zeit zumindest etwas einfacher sein wird, Visa zu bekommen?

A.: In dem Moment, wenn Russland zur Einhaltung des Völkerrechts zurückkehrt, wird der Krieg zu Ende und eine Perspektive für eine friedliche Lösung eröffnet sein – dann werden Sanktionslockerungen möglich sein und sogar ihre Aufhebung, was sich momentan erstmal nicht abzeichnet. Es sieht nicht danach aus, dass es bald geschehen wird. Aber wenn es geschieht, dann werden wir in dieser neuen Situation – das hoffe ich – zu bilateralen Beziehungen zurückkehren können, die das Reisen einfacher machen. Aber die Schuld liegt wirklich nicht bei uns.

Fr.: Von der EU, von der EU-Kommission heißt es oft, das Ziel der Sanktionen sei, das russische Militärpotenzial zu beeinflussen. Aber wir sehen, dass sie nicht wirken. Wann werden die Sanktionen Ihrer Meinung nach Wirkung zeigen?

A.: Oh, damit bin ich nicht einverstanden.

Fr.: Wirklich?

A.: Ja, damit bin ich nicht einverstanden. Die Sanktionen wirken.

Fr.: Und wie?

A.: Sanktionen sind kein Hebelschalter. Es funktioniert nicht so, dass man Sanktionen einführt und die Politik der Gegenseite ändert sich augenblicklich, so als ob man das Licht ausschalten würde. Diese Dinge funktionieren so nicht. Sanktionen fangen mit der Zeit an zu wirken, und das zeigt sich daran, dass die Partei, gegen die Sanktionen verhängt werden, beginnt, einen höheren Preis für ihr Vorgehen zu zahlen. Wenn Sie sich einige technischen Komponenten anschauen, die für bestimmte Arten von Rüstungsgütern benötigt werden, so werden diese nicht mehr nach Russland importiert. Unternehmen, die sie früher verkauft haben, können sie nicht mehr verkaufen. Wir wissen von Sanktionsumgehungen, aber trotzdem wird es aufwendiger, teurer und schwieriger, Krieg zu führen. Und wir wissen, dass im Bereich des Exports nach Russland die Anzahl von hochprioritären Kampfmitteln fast auf null zurückgegangen ist. Es funktioniert wirklich. Die russische Regierung, das russische Verteidigungsministerium und die Unternehmen des Rüstungssektors gehen durch sehr schwere Zeiten. Sie sind gezwungen, nach anderen Märkten zu suchen, um Ersatz für die Güter zu finden, die sie früher problemlos auf dem Weltmarkt eingekauft haben.

Fr.: Aber in vielerlei Hinsicht wirken sich die Sanktionen auf gewöhnliche Russen aus, die, wie ich bereits erwähnt habe, sehr enge Verbindungen nach Europa hatten und nun von ihm einfach abgeschnitten sind. Halten Sie das Prinzip der kollektiven Verantwortung für richtig?

A.: Verzeihen Sie, dass ich wieder so hart sein muss, aber ich sage nochmals, dass ich nicht damit einverstanden bin. Weil russische Staatsangehörige nach wie vor nach Europa reisen können. Sie können einen Visumsantrag einreichen – ja, sie müssen dann bestimmte Kriterien erfüllen. Das erleichterte Visaverfahren, das es früher gab, gibt es nicht mehr. Und Sie haben recht, dass unter dem bürokratischen Aspekt alles viel komplizierter geworden ist. Aber es ist nicht so, dass einfache Russen von Europa abgeschnitten wären, es ist weiterhin möglich, nach Europa zu reisen.

Fr.: Möglich, aber schwierig.

A.: Dem stimme ich zu. Aber so ist die Situation. Wie ich sagte, sind unsere Kollegen im Konsulat in der Lage, aufgrund der Verfahren eine bestimmte Anzahl von Visumsanträgen zu bearbeiten. Früher hatten wir dort viel mehr Mitarbeiter. Das Gleiche gilt für viele andere Botschaften, die auch Personal reduzieren mussten.

Fr.: Ist noch etwas im Bereich des kulturellen und wissenschaftlichen Austauschs geblieben? Soweit ich weiß, hat das deutsche Bildungsministerium nach dem 24. Februar 2022 den deutschen Universitäten empfohlen, Projekte mit Russland einzustellen, nicht an gemeinsamen Konferenzen teilzunehmen und keine Fördergelder mehr zur Verfügung zu stellen. Meinen Sie nicht, dass es ein schwerer Schlag gegen die humanitären Beziehungen, gegen die Zivilgesellschaft war, und dass nichts daran gut sein kann, weil der zivilgesellschaftliche Dialog das ist, was lebendig bleiben sollte?

A.: Ja, das stimmt. Aber da gibt es einen Unterschied, würde ich sagen. Projekte in Wissenschaft und Forschung und sämtliche Kontakte in diesem Bereich wurden in der Tat im Wesentlichen eingefroren oder zurückgenommen. Das passierte. Und es hat damit zu tun, dass aus Sicht der Bundesregierung – und diese Sicht teile ich voll und ganz – Russland einen Krieg gegen ein Nachbarland führt und wir kein business as usual betreiben können, auch nicht im wissenschaftlichen Bereich. Es funktioniert so nicht. Das wäre zu viel. Da Sie das Thema Zivilgesellschaft angesprochen haben: Wir sehen einen enormen Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen [in Russland]. Sie werden als “ausländische Agenten„ gebrandmarkt, zu “unerwünschten Organisationen„ erklärt, Menschen werden ins Gefängnis gesteckt wegen Gespräche über Repressionen der Stalin-Zeit. Die Lage der Zivilgesellschaft in Russland ist heutzutage sehr schwer, und wir tun unsererseits alles, um diejenigen zu unterstützen, die bereit sind, unsere Unterstützung, soweit sie möglich ist, anzunehmen.

Fr.: Es gibt ein weiteres Problem, das mich persönlich sehr betrübt. Sie wissen, dass wir viele gemeinsame Projekte zu Erforschung des Zweiten Weltkriegs hatten – das, was in Deutschland als Erinnerungskultur bezeichnet wird. Sie sagten, dass Sie in Petersburg waren…

A.: Das steht noch an.

Fr.: Ja, dass Sie einen Besuch dort planen. Es sieht so aus, dass Deutsche ihre Gedenkveranstaltungen für sich durchführen und Russen für sich. Es bleiben keine gemeinsamen Projekte, keine gemeinsamen Zeremonien. Was wird aus der gemeinsamen Erinnerungskultur?

A.: Gut, dass Sie es angesprochen haben. Denn das Gedenken an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges ist ein Thema, das unsere Völker über mehrere Jahrzehnte verbunden hat. Damit bin ich selbst großgeworden. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust – wir als Deutsche tragen Verantwortung für die Wahrung des Gedenkens an diese schrecklichen Ereignisse unter dem Motto “Nie wieder„. Das ist sehr wichtig. Und wir sind nach wie vor offen für gemeinsame Veranstaltungen. Und wir glauben, dass es auch jetzt wichtig ist, trotz aller Differenzen, die wegen des Krieges in der Ukraine und wegen dem, wie die russische Regierung unsere Reaktion auf diesen Krieg auffasst, zwischen uns bestehen. Zum Beispiel, wenn wir in Deutschland den Volkstrauertag begehen (Anm. des RTVI: der Volkstrauertag Mitte November erinnert an die Opfer der Weltkriege und des Staatsterrors), arbeiten wir mit unseren russischen Kollegen zusammen. Der Volksbunde Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert sich um deutsche Gräber in Russland, und die entsprechenden russischen Organisationen kümmern sich um die eigenen Gräber in Deutschland und in andren Ländern. Sie arbeiten zusammen, was ich richtig finde. In der heutigen Situation, in der die Probleme so ernst sind und unüberwindbar scheinen, müssen wir einen Schritt zurück treten, weil es enorm wichtig ist. Deshalb werde ich nach Sankt Petersburg fahren und einen Kranz zum Gedenken an das Ende der Blockade niederlegen und damit der Opfer eines der schrecklichsten Verbrechen gedenken, die die deutsche Armee jemals begangen hat.

Fr.: Was geschieht mit dem einzigartigen Museum Berlin-Karlshorst, das an einem historischen Ort eingerichtet wurde, wo das nationalsozialistische Deutschland seine Kapitulation unterzeichnet hat? Früher hatte es den Status eines deutsch-russischen Museums, aber seit 2022 heißt es nicht mehr so. Wie wird es überhaupt weiter funktionieren?

A.: Ich bin mir sicher, dass Museum erhalten bleibt. Es ist der Ort, an dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai die deutsche Wehrmacht zum zweiten Mal ihre bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hat – zusammen mit der Roten Armee (Anm. des RTVI: zuvor wurde am 7. Mai im britisch-französischen Stab in Reims (Frankreich) die Kapitulation erklärt). Das ist ein sehr wichtiger Ort der Erinnerung in Berlin. Und ich kenne niemanden, der nur daran gedacht hätte, den Charakter des Museums als Ort des Gedenkens zu verändern.

Fr.: Aber russische Diplomaten, russische Historiker werden nicht mehr dorthin eingeladen, soweit ich es verstehe.

A.: Es geht um eine gemeinsame [konstitutive] Organisation, die den Museumsbestand bewahrt hat. Bilaterale Beziehungen sind offiziell unterbrochen, aber der Charakter des Museums hat sich nicht verändert und wird sich nicht ändern.

Fr.: Ich möchte noch ein sehr delikates Thema ansprechen – ein politisches. Noch im vergangenen Jahr berichtete The Wall Street Journal mit Bezug auf ihre Quellen, dass die USA dabei seien, einen multilateralen Deal mit Russland über einen Gefangenenaustausch vorzubereiten. Und dass Deutschland daran beteiligt sein könnte, weil der russische Staatsangehörige Wadim Krassikow in Berlin seine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes im Tiergarten verbüßt, der ihm zur Last gelegt wurde. Kann Krassikow in eine solche Austauschliste aufgenommen werden? Kann Deutschland ihn an Russland ausliefern?

A.: Das ist das Privileg der Journalisten – The Wall Street Journal kann schreiben, was sie will. Aber Diplomaten reden über diese Dinge natürlich nicht im Fernsehen – bei allem Respekt für Ihre Sendung. Deshalb werde ich nicht darüber reden. Aber etwas Grundsätzliches in Bezug auf die Person Krassikow ist die Tatsache, dass er auf frischer Tat im Berliner Bezirk Tiergarten gefasst wurde, etwa 500 Meter vom Reichstagsgebäude entfernt, nachdem er gerade einen Menschen getötet hatte, was er allem Anschein nach auf Geheiß der russischen Behörden tat. Die Sache ist völlig transparent: er ist ein kaltblütiger Mörder. Ich denke, es ist eine sehr klare und sehr schwere Situation. Aber The Wall Street Journal kann über alle möglichen Themen zu spekulieren, die ihr in den Sinn kommen.

Fr.: Das heißt, Sie können nicht bestätigen, dass solche Gespräche in Bezug auf Krassikow mit der russischen Seite geführt werden.

A.: Nein, das kann ich nicht bestätigen. Und ich möchte es weder bestätigen noch kommentieren.

Fr.: Jetzt muss ich mich konzentrieren, eine Sekunde. Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff – habe ich Ihren Namen richtig gesagt?

A.: Fast! (lacht)

Fr.: Fast?

А.: (lacht) Aber es ist nicht Ihr Fehler, das ist die deutsche Wikipedia!

Fr.: Ja, ich habe dort nachgeschaut.

A.: Weil Sie Deutsch sprechen, ich weiß. Die deutsche Wikipedia hat meinem Namen noch “Freiherr„ hinzugefügt, aber es gehört nicht mehr hin.

Fr.: Wirklich? Und warum?

A.: Das weiß ich selbst nicht. Ein Zweig meiner Familie hat den Namen “Freiherr„, aber mein Familienzweig hat ihn nicht. Deshalb lagen Sie fast richtig.

Fr.: Ich wollte Sie noch etwas über Ihre Familie fragen. Ich habe gelesen, dass Ihre Vorfahren von den Baltendeutschen abstammen, von deutschen Adeligen, die ins Russische Reich übersiedelten und in die Dienste des Zaren traten. Stimmt es wirklich?

A.: Es war zu Beginn des XV. Jahrhunderts, als meine Vorfahren in die Gegend der heutigen Baltischen Staaten umsiedelten. Damals gehörten die Gebiete nicht zum Russischen Reich. Zu russischen Staatsangehörigen wurden sie nach dem Nordischen Krieg, als diese Gebiete in der Zeit Peters I. Teil des Russischen Reiches wurden.

Fr.: Ist Wladimir Lamsdorf, der Anfang des XX. Jahrhunderts Außenminister des Russischen Reiches war, wirklich ihr Verwandter?

A.: Ja, er ist mein entfernter Onkel und wir haben einen gemeinsamen Vorfahren, Matwej Lamsdorf (Anm. des RTVI: erster Gouverneur Kurlands in den Jahren 1796-98).

Fr.: Und seinen Namen entdeckten Sie an der Wand des Georgssaales im Kreml?

A.: Ja, richtig. Matwej war Mentor des Großfürsten Nikolai Pawlowitsch, des künftigen Nikolaus I. Er war General, und am Hof gab es die Tradition, dass hohe Amtsträger die Zarensöhne unterrichtet haben, die einmal den Thron besteigen sollten. Und weil Matwej Lamsdorf der Mentor von Nikolaus I. war, wurde ihm der Orden des Heiligen Georgs verliehen, wie übrigens auch seinem Sohn Nikolai. Als ich zur Übergabe der Beglaubigungsschreiben an Präsident Putin im Kreml war (Anm. des RTVI: am 4. Dezember 2023), hatten wir etwas Zeit. Und ich fragte mich, ob meine Vorfahren auch an der Wand des Georgssaales zu finden sind, denn dort stehen die Namen all derer, die mit dem Orden des Heiligen Georgs ausgezeichnet wurden. Dann rief ein Mitarbeiter des Protokolls eine Führerin, die alles über den Georgssaal weiß. Und sie fand den Namen!

Fr.: War es für Sie eine Überraschung?

A.: Es war eine Überraschung, aber eine angenehme, würde ich sagen.

Fr.: Wieviel wissen Sie eigentlich über dieses Kapitel Ihrer Familiengeschichte, über Ihre, sagen wir, “russischen Wurzeln„?

A.: Oh, gar nicht viel. Da gab es bekannte Persönlichkeiten. Ohne Zweifel Matwej Lamsdorf, dann sein Sohn Nikolai, der Geschäftsführer der russischen Wälder war, so können wir ihn nennen (Anm. des RTVI: Nikolai Matwejewitsch Lamsdorf war Leiter der Forstabteilung im Ministerium für Staatsvermögen des Russischen Reiches). Er war auch beim Militärdienst (Anm. des RTVI: nahm am Russisch-Türkischen Krieg 1828-1829 und an der Polnischen Kampagne 1831 teil). Einer unserer Vorfahren fiel bei Borodino, wo er Russland gegen Napoleon verteidigte. Und natürlich Wladimir Lamsdorf, der Außenminister. Er war ein guter Minister, weil er dem Zaren riet, 1905 keinen Krieg gegen Japan zu führen. Und ich denke, der Zar hätte auf ihn hören sollen, weil dieser Krieg zu nichts Gutem geführt hat.

Fr.: Das sind sehr spannende Bezüge zur Vergangenheit. Ich möchte Sie noch etwas über die russische Kultur fragen. In Russland hört man sehr häufig, dass man sie in Europa abschafft. Wir erinnern uns daran, dass kurz vor Neujahr, im Dezember, Olaf Scholz plötzlich bei einer Aufführung von Kirill Serebrennikow in einem Hamburger Theater auftauchte. Was glauben Sie, war es eine politische oder eine menschliche Geste?

A.: Oder war es vielleicht einfach persönliches Interesse? Sie wissen, der Bundeskanzler stammt aus Hamburg und er geht immer ins Theater, wenn er zu Hause ist. Deswegen denke ich, dass es nicht an mir liegt, darüber zu sinnieren, weil es hier um private Dinge geht. Wichtig ist, dass es in Deutschland nichts Dergleichen wie die Abschaffung der russischen Kultur gibt. Wir sehen russische Dirigenten, wir sehen russische Komponisten, deren Werke bei uns aufgeführt werden. Russische Schauspieler, Tänzer, Sänger treten auf den Bühnen in ganz Deutschland auf. Die russische Kultur wird nicht im Geringsten abgeschafft. Und wir sind überzeugt, dass aus Sicht der europäischen Kultur die russische Kultur ihr untrennbarer Teil war und bleibt. Niemand in Deutschland denkt, dass man so tun könnte, als ob die russische Kultur nicht die europäische konstruiert, genauso wie die französische, britische, niederländische, deutsche und polnische. Davon kann man sich überzeugen, wenn man mit Menschen aus diesem Bereich spricht, das ist ganz offensichtlich.

Fr.: Das heißt, Dostojewski und Tschaikowski wird bei euch nicht abgeschafft?

A.: Ganz und gar nicht!

Fr.: Herr Botschafter, ich danke Ihnen für das überaus interessante Gespräch. Vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind.

A.: Vielen Dank für die Einladung!

Interview: Ekaterina Sabrodina

RTVI

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