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Ansprache des Botschafters Alexander Graf Lambsdorff anlässlich des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit

Botschafter Alexander Graf Lambsdorff

Botschafter Alexander Graf Lambsdorff, © Deutsche Botschaft Moskau / Nikita Markov

04.10.2023 - Rede

Moskau, 03. Oktober 2023

*** Es gilt das gesprochene Wort ***


Dorogie Drusija, Dami i Gospoda,
Excellencies, Ladies and Gentlemen,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Landsleute, heute ist unser Feiertag. Erlauben Sie mir trotzdem, an erster Stelle die Vertreterinnen und Vertreter unseres Gastlandes Russland zu begrüßen. Wir freuen uns, dass Sie gekommen sind. Es ist uns wichtig, gerade in diesen Zeiten mit Ihnen, mit vielen Menschen aus Kultur und Gesellschaft Russlands, im Austausch zu sein. Danke für Ihr Kommen, das ist uns ein ganz wichtiges Zeichen.

Für uns Deutsche ist der 3. Oktober ein Tag, an den wir mit Freude und Dankbarkeit denken. Er ist ein Tag, den wir besonders gerne mit unseren russischen und internationalen Gästen teilen. Das hat einen einfachen Grund: Ohne unsere Partner in den USA, in Frankreich und Großbritannien, aber damals eben auch in der Sowjetunion, würde es den deutschen Nationalfeiertag gar nicht geben. Die deutsche Einheit wurde erreicht im Schulterschluss mit unseren Freunden in Paris und London, in Washington und Moskau. Dafür sind wir dankbar.

Sehr geehrte Damen und Herren des diplomatischen Corps, herzlich willkommen! Ich trete als der neue deutsche Botschafter vor Sie. Es ist eine große Ehre, Teil der diplomatischen Gemeinschaft in der Hauptstadt des größten Landes der Erde zu sein. Etliche von Ihnen habe ich schon persönlich kennengelernt und ich möchte so viele von Ihnen wie nur möglich gerne persönlich treffen. Ich weiß, dass ich sehr davon profitieren werde, an Ihren Erfahrungen, Ihrem Wissen und an Ihrer Analyse der Situation und der Zukunft dieses Landes teilzuhaben.

Heute feiern wir die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990. Ein Jahr zuvor war die Berliner Mauer gefallen. Wahr und wichtig ist dabei: Ohne den starken Freiheitsdrang der Völker Mittel- und Osteuropas wäre das nicht geschehen. Die DDR 1953, Ungarn 1956, die Charta 77 in der damaligen Tschechoslowakei, die unbezwingliche Solidarnosc in Polen, die heldenhaften Befreiungsbewegungen der baltischen Nationen und die mutigen Montagsdemonstrationen in Leipzig – die Berliner Mauer wurde nicht nur von den Demokratien des Westens niedergerissen. Nein, sie wurde von all den Frauen und Männern eingedrückt, die nicht in einem sowjetischen Imperium leben wollten. Sie wollten ihr Leben in Freiheit, Frieden und Sicherheit selbst gestalten. Sie wollten nationale Souveränität statt imperialer Unterwerfung.

Liebe Freudinnen und Freunde, Freiheit, Frieden, Sicherheit und nationale Souveränität.
Das ist es, nicht mehr, nicht weniger, was die Menschen in der Ukraine heute für sich einfordern. Und das ist wahrlich nicht zu viel.

Wir Deutsche sind den Vereinten Nationen und dem Prinzip der souveränen Gleichheit aller ihrer Mitgliedstaaten zutiefst verbunden. Als eines der Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen hat die Russische Föderation ja sogar eine ganz besondere Verantwortung für Frieden und Sicherheit. Umso schockierender ist es, Zeugen der Gewalt zu sein, die Russlands Aggressionskrieg in das Nachbarland hineinträgt.

Die Gewalt richtet sich aber nicht nur nach außen. Sie richtet sich gegen all die russischen Bürger, die vor Gericht stehen, weil sie ihre Meinung frei äußern, mit anderen Worten: dafür, dass sie von Rechten Gebrauch machen, die ihnen die russische Verfassung garantiert. Viele dieser mutigen Bürger sind jetzt im Exil oder in Gefängnissen – aber sie sind nicht vergessen.

Sehr geehrte Damen und Herren, erträglich wird das, was wir heute erleben, nur durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – darauf, dass wir unsere Zeit nicht nur erleiden, sondern es uns gelingt, sie auch zu gestalten. Frieden und Recht erscheinen heute weit entfernt. Aber die diplomatische Arbeit für ein besseres Morgen hat bereits begonnen.

Viele Staaten nehmen daran teil, auch Staaten außerhalb Europas. Als Europäer sind wir nicht allein in der Überzeugung, dass ein gerechter und anhaltender Frieden nur auf der Basis der Grundsätze des Völkerrechts, der Achtung der territorialen Integrität und der nationalen Souveränität aller Staaten möglich ist. Hier kann es keine Ausnahmen geben. Die Nationen, die einmal zur Sowjetunion gehört haben, können und dürfen nicht auf den Status von Kolonien herabgedrückt werden.

Und das, liebe Freudinnen und Freunde, sollte unser Konsens, unser wahrlich globaler Kosens sein. Denn diesen Grundsätzen haben wir uns alle verschrieben, als wir die UN-Charta unterzeichnet haben.

Meine Damen und Herren, für uns Deutsche und Russen – und hier schließe ich ausdrücklich alle Volksgruppen ein, die in diesem Land leben, bis zum Pazifik, zum Nordmeer, zum Kaukasus – ist dies nicht das Ende unserer gemeinsamen Geschichte.

Ich bin überzeugt: Die Gewalt wird nicht das letzte Wort haben.

Bei allem Schweren, das uns umgibt, will ich Ihnen auch sagen: Ich bin froh, in Russland zu sein. Froh, Teil der diplomatischen Präsenz zu sein. Froh, gemeinsam mit meinem hervorragenden Team an der Botschaft an Ideen zu arbeiten, damit sich die Dinge wieder in eine bessere Richtung entwickeln.

Das wollen wir auch mit dem heutigen Empfang zeigen. Herzlichen Dank an alle meine Kolleginnen und Kollegen, die ihn vorbereitet haben und die heute mit mir zusammen Gastgeber sind.

Wir alle wünschen Ihnen einen schönen Abend. Wir freuen uns auf die Gespräche mit Ihnen heute Abend und in der Zukunft.

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