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Ansprache des Generalkonsuls Dr. Peter Blomeyer zum Tag der Deutschen Einheit 2020

Generalkonsul Dr. Peter Blomeyer

Generalkonsul Dr. Peter Blomeyer, © Auswärtiges Amt

06.10.2020 - Artikel

Rede des Generalkonsuls Dr. Peter Blomeyer zum Tag der Deutschen Einheit

Sehr geehrte Damen und Herren, 

wie gern hätte ich Sie alle zu einem rauschenden Jubiläumsfest zum dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands, unserem Nationalfeiertag, eingeladen! Aber die Pandemie erlaubt nicht, dass wir uns dem Risiko einer solchen Feier aussetzen, und deshalb müssen wir uns mit dieser digitalen Ansprache begnügen.

Vor dreißig Jahren wurde ein deutscher Traum Wirklichkeit. Der eiserne Vorhang hatte sich gehoben, die Mauer war gefallen, Deutschland wurde wieder zu einem vereinigten Land. Viele Jahre ging ein Todesstreifen durch unser Land, mit Anti-Personen-Minen, Selbstschussanlagen, Schießbefehl der ostdeutschen Grenzpolizisten und der Mauer mitten durch Berlin. Viele hatten die Hoffnung schon aufgegeben, dass diese schreckliche Trennung noch zu ihren Lebzeiten überwunden werden könnte. Dann wurde genau dies Wirklichkeit.

Wir Deutschen haben nicht vergessen, dass die Ursache der Teilung unseres Landes in einem verbrecherischen Angriffskrieg lag, der in deutschem Namen ausgeführt wurde und zu dessen Hauptopfern Russland zählte. Bei der Teilung nach diesem Krieg wurde der Osten Deutschlands der Einflusssphäre der Sowjetunion zugeschlagen. Die nun anhebende Konfrontation der Blöcke, der Kalte Krieg, überlagerte alsbald die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs.

Dennoch gab es wichtige Stationen gerade im deutsch-sowjetischen Verhältnis, an die wir uns in diesem Jahr – einem Jahr der runden Gedenktage – erinnern. Vor 75 Jahren, 1945,  ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dann dauerte es zehn Jahre, bis Deutschland und die Sowjetunion im Jahre 1955 diplomatische Beziehungen aufnahmen und die letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Hause zurückkehren konnten. 1970, vor fünfzig Jahren, wurde der Moskauer Vertrag geschlossen, in dem Deutschland den Verlust seiner Ostgebiete akzeptierte, am Ziel einer friedlichen Wiedervereinigung aber festhielt. Und 1990 wurde ebendieses Ziel erreicht.

Ich habe es schon vor einem Jahr bei unserem Empfang zum Nationalfeiertag gesagt, und ich möchte es hier wiederholen: Die Wiedervereinigung haben wir auch dem Großmut des russischen Volks zu verdanken. Das Volk, das am meisten unter dem Krieg gelitten hat, gab seine Zustimmung dazu. Das ist in Deutschland unvergessen. Danke, Russland.

Der Fall der Mauer, die Überwindung der Blockkonfrontation, das Ende des Kalten Krieges – das war nicht nur für Deutschland eine Hochzeit, es war ein Glücksmoment in der Weltgeschichte, wie sie nur ganz selten passieren. Viele Hoffnungen knüpften sich daran. Sie spiegelten sich in der Charta von Paris, die 32 europäischen Staaten, darunter die Sowjetunion, sowie die USA und Kanada unterzeichneten, und in der es heißt:

„Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, dass sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen, die Willensstärke der Völker und die Kraft der Ideen der Schlussakte von Helsinki bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.“

Was für eine Euphorie! Davon könnten wir heute etwas brauchen. Wenn wir auf die letzten dreißig Jahre zurückblicken, müssen wir uns eingestehen, dass wir diese Hoffnungen nicht umgesetzt haben. Wir sind wieder mitten drin in einem neuen Knäuel von Konflikten. Statt um Freiheit und Demokratie für alle Völker Europas geht es wieder um Erweiterung von Macht und Einflusssphären, und das Gift des Nationalismus sickert erneut in die internationalen Beziehungen.

Wir können die Augen nicht verschließen, wenn in Europa Grenzen gewaltsam verschoben, Mordanschläge mit militärischen Nervenkampfstoffen verübt, die Cybersphäre unserer politischen Institutionen bedroht und unsere Wahlen manipuliert werden. Auch im Verhältnis zu Diktatoren, in Europa wie im Nahen Osten, sollte man auf der richtigen Seite stehen. Zynismus ist die Kapitulation vor der Moral.

All diese Probleme sind selbst geschaffen. Dabei warten auf uns alle – auf die ganze Menschheit - gewaltige Herausforderungen, auf deren Lösung wir uns lieber konzentrieren sollten, wie etwa die Erderwärmung und ihre Folgen, die Umweltverschmutzung und  das Müllproblem. Das kann man überall in der Welt besichtigen, und auch hier in Sibirien und Fernost ist es deutlich zu sehen: Hier schmilzt der Permafrost, Straßen, Häuser und industrielle Tanks stürzen ein, Diesel und andere Schadstoffe dringen in die Böden und Gewässer. Die Taiga, ja sogar die Tundra brennt, die riesigen Moore fangen Feuer, und Großstädte in Sibirien werden in Rauchwolken gehüllt. Der Eisschild der Arktis und die Gletscher und die Flechten gehen zurück und können das Sonnenlicht nicht mehr reflektieren. Den Klimawandel, der all das verursacht, haben nicht die Menschen in Sibirien und Fernost verschuldet; sie sind die Leidtragenden. Im Fernen Osten fischen russische und deutsche Wissenschaftler bis in 8.000 Meter Tiefe Plastikmüll aus aller Welt aus den Meeresgräben.

Es gibt also weiß Gott genug zu tun, und es wäre zu wünschen, dass wir unsere Energien nicht in politischen Scharmützeln verzetteln, sondern gemeinsam auf die Lösung dieser Probleme richteten. Unsere Wissenschaft und unsere Umweltorganisationen in Deutschland und Sibirien, das habe ich in vielen Gesprächen feststellen können, sind dazu bereit und arbeiten längst - teilweise seit Jahrzehnten – zusammen daran. Sie verdienen jede Unterstützung. Und auch in anderen Bereichen – in der Wirtschaft, in der Bildung, in der Kultur, in der Zivilgesellschaft – gibt es einen engen Austausch zwischen unseren Völkern.

Meine Erfahrung in fast zwei Jahren als Generalkonsul für Sibirien und Fernost ist es, dass sich die Menschen in Deutschland und meinem Amtsbezirk freundschaftlich verbunden fühlen. Sie wollen keine Konfrontation, sie wollen Austausch und Zusammenarbeit. Nur darin kann unsere Zukunft liegen. Es ist eine Freude zu sehen, mit welchem Eifer und Enthusiasmus Kinder und Jugendliche Deutsch lernen und den Austausch mit deutschen Partnern pflegen; großer Dank gebührt ihren Lehrern und Lehrerinnen, ihren Professoren und Professorinnen. Die russische Saison in Deutschland hat viele Künstler nach Deutschland gebracht, und das jetzt anhebende Deutschlandjahr in Russland wird, obwohl die Pandemie hier Grenzen zieht, dem Austausch hoffentlich auch einen ordentlichen Schub geben. All das zeigt, wie nahe sich unsere Völker stehen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, ich darf mich mit dieser Ansprache von Ihnen verabschieden. Mein Ministerium schickt mich nach Malaysia, um dort künftig Deutschland zu vertreten. Ich bedanke mich bei Ihnen für die warmherzige Aufnahme, für die vielen intensiven Gespräche, für Respekt, Vertrauen und Freundschaft, die Sie mir hier entgegengebracht haben. Und ich bitte Sie, meinen designierten Nachfolger, Generalkonsul Bernd Finke, ebenso wohlwollend aufzunehmen. Ich danke Ihnen.

Alles Gute!

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