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Grußwort zur Eröffnung der Online-Konferenz „Historische Erinnerung als Grundlage der erfolgreichen interkulturellen Kommunikation“

Generalkonsul Dr. Peter Blomeyer

Generalkonsul Dr. Peter Blomeyer, © Auswärtiges Amt

04.05.2020 - Artikel

Am 29. April 2020 fand an der Altaier Filiale der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst die erste Online-Konferenz zum Thema „Historische Erinnerung als Grundlage der erfolgreichen interkulturellen Kommunikation“ statt.

Sehr geehrter, lieber Herr Dr. Barbashow, meine sehr geehrten Damen und Herrn Konferenzteilnehmer,

Sie haben mich um ein Grußwort gebeten. Mich, als Deutschen. Keine Selbstverständlichkeit.

Als ich sechzehn Jahre alt war, im Jahr 1975, kam ich als Austauschschüler auf einem Aussichtspunkt in einem Nationalpark in Kalifornien mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Als er nach einiger Zeit bemerkte, dass ich Deutscher war, brach er das Gespräch, das bisher freundlich verlaufen war, ab und erklärte, als Belgier habe er sich geschworen, niemals wieder mit einem Deutschen zu sprechen, nachdem Deutsche zweimal in diesem Jahrhundert völkerrechtswidrig in seine Heimat eingefallen seien und sie verheert hätten.

Mit zwanzig Jahren wurde ich auf einer Reise von einer Israelin in ihre Wohnung eingeladen. Ich traute mich nicht, mich ihr zu nähern, obwohl sie jung und hübsch war. Ich dachte, das stehe mir als Deutschem nicht zu. Natürlich habe ich es ihr nicht gesagt. Aber was mochte sie wohl über mein ungelenkes Verhalten gedacht haben?

In meinem Geschichtsstudium konnte ich die Berichte über den Holocaust und den Krieg in Russland, den Sie hier den Großen Vaterländischen Krieg nennen, physisch kaum ertragen. Ich verlegte mich auf die Frage, wie es überhaupt erst geschehen konnte, dass das Volk, dem ich angehöre, ein zivilisiertes und kulturell hochstehendes Volk, wie ich dachte, wie dieses Volk in die schlimmste Barbarei fallen konnte, die diese Welt je erlebt hat. Meine Doktorarbeit schrieb ich über die Staatsrechtslehre der Weimarer Republik, die in ihrer Mehrheit der Überzeugung war, dass eine Demokratie sich selbst ihren schlimmsten Feinden ausliefern müsse, wenn diese nur mit demokratischen Mitteln die Macht erringen. Heute denken wir in Deutschland anders darüber.

Vor einigen Jahren war ich als Deutscher Botschafter in Kosovo mit dem allgegenwärtigen, tiefsitzenden Misstrauen, ja der Feindschaft zwischen Serben und Albanern konfrontiert. Zusammen mit meiner französischen Kollegin versuchte ich, in der kosovarischen Öffentlichkeit für eine Überwindung dieser Feindschaft und für eine Verständigung zu werben, und als Beispiel führten wir uns, die Franzosen und die Deutschen, an, die es geschafft hatten, eine über Jahrhunderte sorgsam gepflegte Erbfeindschaft zu überwinden und, soweit das Völkern, Nationen und Staaten möglich ist, Freunde zu werden.

Als ich nach Russland versetzt wurde, kamen die Familienerinnerungen hoch. Mein Großvater geriet  mit zwanzig Jahren, 1915, in Kriegsgefangenschaft und kam nach Sibirien. Er flüchtete, geriet 1917 in die Wirren der russischen Revolution und konnte sich über die Frontlinie nach Deutschland retten. Mein Vater marschierte mit 22 Jahren, 1942, mit in den Kaukasus ein. Sein Bataillon wurde dann nach Stalingrad verlegt, aber mein Vater bekam Wolhynisches Fieber und wurde nach Haus geschickt; am Weihnachtsabend 1942 kam er an und fiel meiner Großmutter in die Arme. Und sein Sohn wurde 76 Jahre später als Deutscher Generalkonsul nach Nowosibirsk versetzt und spricht jetzt dieses Grußwort zu Ihnen.

Verzeihen Sie mir diese Ausschweifung. Sie soll an meinem persönlichen Beispiel illustrieren, dass jeder von uns, persönlich und als Angehöriger einer Nation, unentrinnbar in einer historischen Abfolge steht, die ihn selbst und sein Handeln von früh auf prägt, aber ebenso ihn auch in den Augen aller anderen identifiziert, einordnet und ihr Verhalten ihm gegenüber bestimmt. Der alte Belgier sah mich als Deutschen und nicht als irgendeinen Mitmenschen; ich selbst sah mich als Deutschen und nicht als jungen Mann gegenüber der Israelin; als Französin und als Deutscher versuchten meine Kollegin und ich Serben und Albanern unsere historische Erfahrung zu vermitteln, und als einen Deutschen mit diesem Vater und diesem Großvater haben Sie mich eingeladen.

Es scheint, als ob wir alle mit unserer Geburt ein unsichtbares Päckchen auf den Rücken geschnallt bekommen, das wir zeitlebens nicht wieder loswerden. Wir werden als Deutscher oder Franzose, als Serbe oder Albaner, als Araber oder Israeli, als Pakistani oder Inder, oder wir werden in die russische oder die westliche Welt geboren. Wir wachsen in unseren Ländern und Welten auf, sozialisieren uns in ihrem politisch-weltanschaulichen System und übernehmen damit ihre Perspektiven auf die Welt, und an die Vergangenheit erinnern wir uns von ihrer Warte. Als junger Mensch werden wir womöglich, wie mein Vater und mein Großvater, in einen Krieg gegen irgendein anderes Land geschickt. All das suchen wir uns nicht aus. Wir werden durch unsere Geburt in dieses Schicksal gestellt.

Die Identifizierung mit dem eigenen Land prägt also auch die historische Erinnerung, die eine kollektive Erinnerung ist. Herkömmlich dient sie der Selbstvergewisserung eines Landes, dem ehrenden Andenken der Ruhmestaten und Opfer der Vorfahren für das Land und der Rechtfertigung gegenwärtiger Ansprüche gegenüber anderen Ländern mit der Vergangenheit. Die staatlichen Monumente, Gedenkstätten und Museen bringen dies zur Anschauung. Auch Geschichtsbücher – besonders für den Unterricht - werden fast überall aus einer nationalen Perspektive geschrieben. Man kann nicht gerade behaupten, dass das Ziel der historischen Erinnerung in unserer Welt in erster Linie darin besteht, die Perspektive der jeweils anderen Länder darzustellen und für sie in der eigenen Bevölkerung um Verständnis zu werben.

Wenn wir aber historische Erinnerung nur zur nationalen Selbstbestätigung betreiben, kann sie keine Grundlage für eine erfolgreiche interkulturelle Kommunikation sein. Hierfür ist es nötig, die Perspektive der anderen Länder mit einzubeziehen. Das kann sehr schmerzhaft sein, weil es Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft zum Eingeständnis eigener Fehler, ja Verbrechen voraussetzt. Es setzt auch voraus, internationale Beziehungen nicht als Nullsummenspiel zu betrachten, bei dem der Vorteil des anderen automatisch zum eigenen Nachteil und umgekehrt gerät, und bei dem die historische Erinnerung nur als Mittel zum Zweck eingesetzt wird. Ziel der historischen Erinnerung sollte es insbesondere sein zu erkennen, wo die Weichen im Verhältnis zu anderen Ländern Richtung Katastrophe gestellt wurden und welche mentalen Befangenheiten dafür den Ausschlag gaben. Ein ausgezeichnetes Mittel hierfür ist das Verfassen gemeinsamer Geschichtsbücher, wie es die gemeinsame deutsch-russische Geschichtsbuchkommission unternommen hat.

Nach meiner Beobachtung ist es für uns Deutsche leichter als für andere Nationen, die historische Erinnerung als nationale Selbstbestätigung hinter uns zu lassen und sie stattdessen als wirksames Mittel der interkulturellen Kommunikation zu nutzen. Das liegt daran, dass wir Deutsche mit dem Ende des II. WK nicht nur einen physischen, sondern zuvörderst einen vollständigen moralisch-ethischen Zusammenbruch erlebt haben. Die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands, insbesondere die Entfesselung des II. WKs und der Holocaust, waren so ungeheuerlich, dass nur ein kompletter Bruch mit dieser Vergangenheit und ein Neuanfang auf ganz anderer Grundlage es uns erlauben konnten, in die Zukunft zu gehen. Unsere - deutsche – historische Erinnerung wird immer davon geprägt sein. Wir können nie mehr unbefangen militärische Ruhmestaten feiern, unseren nationalen Stolz haben wir erst langsam zurückgewonnen, und er definiert sich auf politischer Ebene nie ohne Bezug zu unseren Nachbarn, in erster Linie darin, dass wir unsere wieder und unsere neugewonnenen Werte verwirklichen und damit zu Frieden und Ausgleich beitragen. Man kann sagen, dass wir in Bezug auf nationalen Stolz unsere Unschuld verloren haben.

Das sieht für Russland anders aus. Russland stand in seinem Großen Vaterländischen Krieg vor einem zunächst übermächtig scheinenden, grausamen Feind, der es zu vernichten suchte, und nur durch die Mobilisierung aller Kräfte konnte es sich dieses Feindes erwehren. In diesem Abwehrkrieg mag nicht alles gerecht gewesen sein, aber dieser Krieg selbst, er war gerecht. Und so verwundert es nicht, dass auch heute, 75 Jahre nach dem Ende des Kriegs, kein anderes Ereignis der Geschichte so wie dieser Sieg gefeiert wird; dass überall in Russland das Gedenken an Leid und Heroismus dieser Zeit lebendig ist; dass man hier überhaupt stolz auf die eigene Geschichte ist und - inzwischen sind es schon achtzehn - Tage des militärischen Ruhms unbefangen feiern kann.

Aber dieser Stolz macht für Russland den Umgang mit den dunkleren Seiten seiner Geschichte schwerer. Wie geht man mit dem eigenen Herrscher um, unter dem zwar dieser gewaltige Sieg errungen wurde, der aber doch selbst auch Millionen eigener Landsleute, Russen wie andere Völker, in den Tod und in die Lager geschickt und der selbst die kleinen Nationen zwischen Deutschland und Russland überfallen hat?  Wie geht Russland nach dem Untergang der Sowjetunion mit seinen nächsten Nachbarn um, mit denen es dereinst einen Staat gebildet hat? Steht es international auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten, oder auf der Seite der Herrscher? Dieser Umgang Russlands mit seiner eigenen – auch jüngsten - Vergangenheit, der Mut und Wahrhaftigkeit fordert, wird für den Erfolg der interkulturellen Kommunikation mit seinen Partnern entscheidend sein.

Wir alle sind durch Geburt, Sozialisation und unsere nationale historische Erinnerung geprägt, aber wir sind keine Sklaven dieser Prägung. Wir können sie erkennen, und wir können Standpunkt und Prägung unserer Nachbarn erkennen. Von uns selbst hängt es ab, ob wir die historische Erinnerung nur für uns betreiben oder sie zur Grundlage einer erfolgreichen interkulturellen Kommunikation machen.

Ich danke Ihnen.

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