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Ansprache beim Empfang aus Anlass desNationalfeiertags am 3. Oktober 2019 in Nowosibirsk 

Tag der Deutschen Einheit 2019

Tag der Deutschen Einheit 2019, © GK Nowosibirsk

07.10.2019 - Rede

Ansprache beim Empfang aus Anlass des Nationalfeiertags am 3. Oktober 2019 in Nowosibirsk.
 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrter Herr Kulturminister,

sehr geehrter Maestro Sanderling,

sehr geehrte Damen und Herren,


Sie sind gerade an einer zehn Meter langen Rekonstruktion der Berliner Mauer entlang gegangen und wurden für eine kurze Zeit von Ihren Ehepartnern, Freunden, Nachbarn, Kollegen oder sonstigen Partnern getrennt.

Die Deutschen lebten vierzig Jahre lang getrennt in zwei Staaten, und 28 Jahre davon sogar physisch: in Berlin durch diese Mauer, die 103 Kilometer lang war und 111 Wachtürme hatte; und entlang der 1.400 Kilometer langen Grenze trennte ein zehn Meter breiter Todesstreifen mit Antipersonenminen und Selbstschussanlagen den westlichen und den östlichen Teil Deutschlands voneinander.

Damit versuchte das Regime der DDR die Menschen in Ostdeutschland an der Flucht zu hindern, daran, was wir „Abstimmung mit den Füßen“ nannten. 138 Personen starben an der Berliner Mauer, 250 Personen starben, zumeist an Herzinfarkt, an den brutalen innerdeutschen Kontrollpunkten, und ungefähr tausend starben an der innerdeutschen Grenze.

Am 9. November 1989, vor nunmehr dreißig Jahren, brach die Mauer zusammen, niedergebracht durch eine friedliche Revolution der Menschen in Ostdeutschland. „Wir sind das Volk“ war der Wahlspruch, mit dem sie das Regime der DDR daran erinnerten, wer der wahre Souverän ist. Es war ein einzigartiger Moment des Glücks in einer Welt, die nicht viele solcher Momente zu bieten hat. Nicht einmal ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, war Deutschland wiedervereint. Sie werden verstehen, dass dies für uns ein Grund zum Feiern ist. Ich danke Ihnen, dass Sie zu uns gekommen sind und mit uns feiern.

Die Trennung der Deutschen kam nicht von ungefähr. Fünfzig Jahre vorher ging von deutschem Boden der furchtbarste Krieg aus, den die Welt gesehen hat. Gegen Ihr Land wurde ein Vernichtungskrieg geführt, gegen die Juden und andere Minderheiten eine Vernichtungsindustrie errichtet. Es war die dunkelste Zeit in der deutschen Geschichte.

Viele sagten, dass die Deutschen das Schicksal ihrer Trennung verdient haben. Mag sein. Unser erster Präsident im neugeschaffenen Westdeutschland, Theodor Heuss, sagte dazu, es gebe keine Kollektivschuld, aber eine Kollektivscham für das, was geschehen ist. Das empfinde auch ich so, als Nachgeborener. Und es gibt eine Verpflichtung, derartiges nie wieder in der Zukunft geschehen zu lassen.

Die Wiedervereinigung haben wir auch dem Großmut des russischen Volks zu verdanken. Das Volk, das am meisten unter dem Krieg gelitten hat, gab seine Zustimmung dazu. Das ist in Deutschland unvergessen. Danke, Russland.

Die Wendezeit war eine Hochzeit, an die sich viele Hoffnungen knüpften. Nur wenige dachten in der ersten Euphorie an die Schwierigkeiten und großen Aufgaben, die sich im Inneren mit dieser Wende des Systems stellten. Tatsächlich folgte, nachdem sich der Pulverdampf der Feierkanonen gelegt hatte,  in den 90er Jahren für viele eine schwere Zeit. Sie in Russland wissen das.

Auch in Ostdeutschland war kaum ein Wirtschaftsunternehmen dem Konkurrenzkampf gewachsen. Es erschienen sofort Freibeuter und Kriminelle, die von der Unsicherheit profitierten und ungeheure Reichtümer auf unrechtmäßige Weise anhäuften. Das warf für manche Menschen in Ostdeutschland einen Schatten auf das neue Leben und stellte Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat für sie in Frage; heute hat die neue Rechte bei uns ihre größte Anhängerschaft in Ostdeutschland.

Es wäre aber falsch, die schlechten Erfahrungen aus den 90er Jahren mit Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat gleichzusetzen. Demokratie und Rechtsstaat sorgen im Normalfall selbstverständlich für Recht und Ordnung. Ein Systemwechsel, wie wir ihn in den 90er Jahren erlebt haben, ist aber eine Ausnahmesituation. Das alte System bricht weg, das neue hat sich noch nicht etabliert. Eine solche Umwälzung vollzieht sich niemals reibungslos. Das darf man nicht dem neuen System anlasten.

Die Menschen in Ostdeutschland haben in den fast dreißig Jahren seit der Wiedervereinigung, unterstützt von den Menschen in Westdeutschland, eine ungeheure Aufbauleistung erbracht. Heute geht es so gut wie allen Menschen im Osten viel besser als vorher, auch wenn die meisten ostdeutschen Regionen das wirtschaftliche Niveau der westdeutschen noch nicht erreicht haben.

Es geht aber nicht nur um Wirtschaft. Viel wichtiger noch ist die Psyche. Die älteren Menschen in Ostdeutschland, die die Hälfte ihres Lebens oder noch länger in der DDR verbracht haben, möchten nicht, dass diese Lebenszeit nichts zählt. Sie haben genau wie die im Westen gelebt, gelacht, geliebt, und keiner hat das Recht, über den Wert dieses Lebens zu urteilen. Das habe ich, ein Kind aus dem Westen, von unseren Nachbarn in unserem Dorf in Brandenburg, im Osten, wo wir jetzt leben, gelernt, nicht weil sie es mir gesagt haben, sondern weil ich es gemerkt habe: Es ist so. Wir müssen auch das überwinden, was wir die Mauer in den Köpfen genannt haben.

Es ist schwer, sich aus jahrzehntelang eintrainierten Verhaltensmustern zu lösen; im Inneren, aber auch auf internationaler Ebene. Wie haben sich die Dinge hier entwickelt? Auch hier herrschte anfangs Euphorie. Manche sprachen vom Ende der Geschichte, das nun gekommen sei. Der eiserne Vorhang war gefallen, und mit ihm fielen Diktaturen rund um den Globus, nicht nur in Europa, auch in Afrika und Asien.

Russland und der Westen einigten sich auf die Charta von Paris, die Charta für ein neues Europa. Vielleicht erinnern sich die Älteren unter Ihnen noch daran. In der Präambel dieser – nach wie vor gültigen - Charta aus dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung 1990 heißt es:

„Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, dass sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen, die Willensstärke der Völker und die Kraft der Ideen der Schlussakte von Helsinki bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.“

Ist es uns gelungen, diese Hoffnungen zu erfüllen, diese Verheißungen in die Tat umzusetzen? Ich fürchte, man muss die Frage verneinen. Eine Weile schien es, als ob in der internationalen Politik Vertrauen und Zusammenarbeit Einzug hielten und wir gemeinsam die Zukunft gewinnen könnten, aber seit geraumer Zeit droht der Umgang miteinander wieder zum Nullsummenspiel des Kalten Kriegs zurückzukehren, bei dem der Gewinn des einen nur auf Kosten des anderen zu erzielen war. Dieses Spiel, meine Damen und Herren, war aber falsch, es war zynisch, und es hat uns mehr als einmal an den Rand des Abgrunds geführt.

Jetzt, mit all unseren neuen Konflikten, sind wir schon fast wieder dort angelangt, woraus wir uns 1990, als die Mauer fiel und in Europa das neue Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit beschworen wurde, gerade befreit hatten.

Unser deutscher Nationalfeiertag erinnert uns jedes Jahr daran, dass die Überwindung der Konfrontation und des Denkens in den Schablonen der Konfrontation möglich ist. Damals wurde er möglich durch Mut und Großmut, den Mut der Deutschen in der DDR, die ihrem Regime friedlich widerstanden, und den Großmut der Russen, die den Deutschen ihr Vertrauen wieder schenkten. Jedes Jahr werden wir Deutschen an diese unvergleichliche Hochzeit erinnert und daran, dass wir nur gemeinsam und nicht gegeneinander die Zukunft gewinnen können. Danke, dass Sie dieses Moments zusammen mit uns gedenken. Lassen wir uns alle davon anspornen!

Meine Damen und Herren, unser Fest der Einheit wäre ohne die Unterstützung vieler Sponsoren und Helfer nicht möglich geworden, und ich möchte mich bei allen herzlich bedanken:

Die Firma Knauf in Nowosibirsk hat unsere Mauer gebaut, die Sie unten sehen konnten, und die Studenten der Nowosibirsker Universität für Architektur, Kunst und Design haben das Graffiti draufgesprüht. Herzlichen Dank der Firma Knauf sowie den Studenten und ihrer Rektorin, Frau Natalja Bagrowa, für diese außerordentliche handwerkliche und künstlerische Leistung!

Wir wurden sehr großzügig finanziell unterstützt von deutsch-russischen Unternehmen, deren Broschüren Sie im Bankettsaal finden: Messe Düsseldorf, Partner der Kusbass Messe; Firma Bosch, bekannt für ihre Heiztechnik; die deutsch-russische IT-Firma Brandmaker; der Baukonzern Sibir, der deutsche Technik einsetzt; Firma ZEPR, Vertreter der deutschen DG Mori AG, bekannt für ihre Werkzeugmaschinen; Firma Wilo, bekannt für ihre Pumpensysteme zur Wasserversorgung und Klimatechnik. Chashka Kofi versorgt uns mit Kaffee, die Pivo Factory mit Bier, und die Metro stellt uns die nicht alkoholischen Getränke zur Verfügung. Ihnen allen herzlichen Dank für Ihre Hilfe! Ohne Sie hätten wir diesen Empfang nicht realisieren können.

Eine ganz besonders große Freude ist für mich, dass das großartige Kammerorchester der Philharmonie von Nowosibirsk unserem Empfang Glanz verleiht. Eben hat es für uns die Nationalhymnen gespielt, und gleich gibt es noch ein Konzert mit Werken von Pachelbel, Mozart und Tschaikowski. Ich bedanke mich bei der Konzertmeisterin Julia Rubina und ihren Musikern!

Bei unserer Party im Bankettsaal spielt uns die Band Strichcode auf. Auch ihr vielen Dank von dieser Stelle!

Ich danke ferner unseren Kollegen und Kolleginnen von dem Goethe-Institut, vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und von der Zentralstelle für Auslandsschulen. Nicht nur unterstützen sie unser Generalkonsulat dabei, die Beziehungen zwischen Deutschland und Sibirien auszugestalten, sondern sie haben uns auch bei der Ausschmückung dieses Empfangs sehr geholfen. Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir dann, auch meinem famosen Team vom Generalkonsulat ganz herzlich zu danken, das enorm viel Zeit, Ideen und Kreativität in die Ausgestaltung unser Feier gesteckt hat.

Zum Schluss danke ich auch meiner lieben Frau Sabine – die mir allerdings verboten hat, dies zu tun.

Und vielen Dank Ihnen, dass Sie diese Ansprache so tapfer durchgestanden haben!

 

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