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Ansprache zur Aufführung des Stummfilms Nosferatu in der Verwaltungshochschule Nowosibirsk

Показ  фильма «Носферату»

Показ  фильма «Носферату», © РАНХиГС

Rede

Am 30. Mai 2019 wurde in der Verwaltungshochschule Nowosibirsk der Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens“ präsentiert.

Am 30. Mai 2019 wurde in der Verwaltungshochschule Nowosibirsk der Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens“ präsentiert. Der Film wurde musikalisch durch den bekannten deutschen Pianist Stephan Graf von Bothmer begleitet.

Sie können sich jetzt auf ein expressionistisches Meisterwerk des deutschen Stummfilmregisseurs Friedrich Murnau freuen: Nosferatu, ein Film von 1922, bringt zum ersten Mal in der Geschichte den Roman Dracula von Bram Stoker auf die Leinwand und begründet damit das bis auf den heutigen Tag populäre Genre des Horrorfilms.

Bram Stokers Roman geht auf die Geschichte des rumänischen Grafen Vlad III. zurück, der gegen Mitte des 15. Jahrhunderts mehrmals Wojwode des Fürstentums Walachei im heutigen Rumänien war. Er trug den Beinamen Draculea - Draculea, Sohn des Drachen, weil sein Vater Vlad II. Mitglied des Drachenordens Kaiser Sigismunds des Zweiten war. Vlad III. galt in seinem Abwehrkampf gegen das osmanische Reich als besonders grausam, was ihm einen zweiten Beinamen einbrachte: Tepes, der Pfähler, nach der von ihm bevorzugten Hinrichtungsmethode, die auch heute noch empfohlen wird, will man einen Vampir zur Strecke bringen. Eine Ironie der Vampirgeschichte: Der Vater aller Vampire hat mit seiner Hinrichtungsmethode das Mittel für seine eigene Beseitigung an die Hand gegeben.

Der Umgang mit Vampiren ist auch Thema unseres Films, der sich von dem Romanvorbild allerdings etwas entfernt und auch eine andere Methode als das Pfählen vorschlägt, um sich eines lästigen Vampirs zu entledigen. Diese Abweichungen könnten darauf zurückzuführen sein, dass der Film nicht autorisiert war. Ja, es gab eine Zeit, da waren die Deutschen nicht so brav wie heute, was das Urheberrecht anging. Weiß jemand zufällig, wie es zur Einführung der Kennzeichnung „Made in Germany“ kam, die heute das Markenzeichen deutscher Qualitätsarbeit ist? Die Briten hatten es im 19. Jahrhundert eingeführt, damit man die minderwertigen deutschen Produkte von den hochwertigen britischen unterscheiden konnte. Später erwies sich das allerdings als Eigentor …

Wie dem auch sei, unser Film wurde Gegenstand eines Urheberstreits, den die deutsche Produktionsfirma natürlich verlor, und sollte dann 1925 vernichtet werden. Aber da war er schon sehr verbreitet, und man nahm es nicht so genau mit der Vernichtung. Jedenfalls überlebten viele Versionen, und daraus konnte er in weiten Teilen wieder zusammengesetzt werden; das Ergebnis präsentieren wir Ihnen heute.

Der Film wurde unzählige Male rezensiert, damals wie heute. Gelobt wurden die Stimmung schaffenden Elemente und die Fokussierung auf die Natur, die ihm seine Wirkungsmacht verleihe, weil die stärkste Ahnung des Übernatürlichen gerade aus der Natur zu holen sei. Hierzu trugen die vielen Außenaufnahmen an Stelle der bisher üblichen Studioaufnahmen entscheidend bei. Auch filmtechnisch betrat er Neuland: Szenische Gestaltung, Lichtsetzung, Kameraführung und visuelle Effekte führten den Expressionismus auf einen Höhepunkt. Zeitgenossen wie Robert Schacht und Alfred Rosenberg kritisierten die Schauspieler, allerdings mit Ausnahme des Hauptdarstellers; und die Dramaturgie: „Dazu dann dieser Vampir, der egal mit einem Sarg herumschleppt, wie jemand, der kurz vor Sieben, wenn die Postämter schließen, noch ein Weihnachtspaket aufgeben will und nicht recht weiß, wo er’s probieren soll.“ “Vom Erhabenen zum Lächerlichen war es bei diesem blutsaugenden Gespenst nur ein kleiner Schritt“.

Später versuchte man ihn historisch zu verorten, als Wiederspiegelung der Biedermeierzeit; als Aufarbeitung des Grauens des Ersten Weltkriegs; als Vorwegnahme der Diktatoren und Tyrannen, die ihm folgten; oder soziologisch, als Überwindung der in der bürgerlichen Welt verbreiteten Unterdrückung der Sexualität (beachten Sie, wie die schöne Ehefrau ihren Ehemann wegschickt, um sich dem Vampir hinzugeben und ihn damit zu vernichten …).

Dieser Film, der seit fast hundert Jahren zu so vielen Interpretationen anregt, gehört selbstverständlich in den Filmkanon der politischen Bildung in Deutschland. Umso mehr freue ich mich, dass er nun auch seinen Weg in diese russische Eliteschule gefunden hat. Und Sie können sich freuen, dass dieser Stummfilm gar nicht stumm bleiben wird, haben wir doch den berühmtesten deutschen Stummfilmpianisten nach Sibirien bringen können, um ihn am Klavier zu untermalen:

Stephan Graf von Bothmer komponiert Musik für Stummfilme und hat ein Repertoire für über sechshundert Stummfilme. Er kombiniert klassische und neue Musik mit Jazz und Pop und verbindet es mit den historischen Quellen der Stummfilmmusik.

Ich möchte mich ganz herzlich bei den beiden Firmen: bei dem Ersten Baufonds und bei der Sibirischen Getreideholding,  bedanken, deren großzügige Unterstützung entscheidend dazu beigetragen hat, dass wir die Reise von Graf Bothmer nach Sibirien realisieren konnten. Herzlichen Dank!

Und jetzt begrüßen wir mit einem warmen Applaus: Stephan Graf von Bothmer










 

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