Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Brief von Botschafter von Geyr an die Vertreter der Deutschen Wirtschaft in Russland

Botschafter Dr. Géza Andreas von Geyr

Botschafter Dr. Géza Andreas von Geyr, © Nikita Markov

09.04.2020 - Artikel

Liebe AHK-Mitglieder, liebe Mitglieder der deutschen Unternehmerschaft in Russland!

„Wir alle werden eine ganz andere Osterzeit erleben als je zuvor“, so brachte es die Bundeskanzlerin in ihrer Video-Botschaft vor einigen Tagen auf den Punkt.

Kaum jemand hätte es noch vor wenigen Wochen für möglich gehalten: Für unser Leben und Zusammenleben, für unser Lernen, Arbeiten, Wirtschaften, Forschen, für Freizeit, Kultur, Sport gelten plötzlich völlig andere Regeln. Und das hier in Russland, in Deutschland, Europa, ja auf allen Kontinenten – und so gut wie überall ohne Klarheit über das „wie lange?“.

Viele Vorzeichen haben sich quasi umgekehrt: Aus gewohnten Zielen möglichst vieler, intensiver, direkter Kontakte, Begegnungen, Konferenzen, wurde ein „möglichst wenig“. Aus dem Wunsch nach Steigerungen von Reisebewegungen, von Produktionszahlen, des Handels wurde ein erzwungenes „Herunterfahren“ – die Liste ließe sich fortsetzen.

Zugleich erleben wir erstaunliche Anpassungsprozesse:
Erzwungene Entschleunigungen geben Raum zum Zurücklehnen und Nachdenken, für strategische Überlegungen, sie geben Zeit zum Einbeziehen neuer Blickwinkel - und auch für Fragen der Achtsamkeit untereinander.

Viele entdecken das Potenzial des Digitalisierten neu oder anders, erweitern Einsatz und Spektrum, gewinnen auch ein klareres Urteil, was Home Office oder Telefonkonferenzen leisten können – und was eben auch nicht.

Wir erfahren, wie sich die Bedeutungskala von Arbeitsbereichen ganz ungewohnt sortiert: sonst kaum wahrgenommene Tätigkeiten und Dienstleistungen zeigen ihren essenziellen Wert - und manches an deren Dotierung wirkt beschämend.

Quälend und extrem fordernd ist unser aller Sorge um diejenigen, die unter dieser Krise besonders leiden: Die akut medizinischer Hilfe bedürfen, während viele Gesundheitssysteme diese kaum werden leisten können. Die Märkte, Arbeit und Einkommen verlieren, während deren Wirtschafts- und Sozialsysteme dies kaum auffangen können. Der Blick in ohnehin geplagte weltweite Krisen- und Entwicklungsregionen lässt Schlimmes ahnen – mit vielfältigen Konsequenzen auch für uns.

Dies beschreibt auch schon das Gefühl der Betroffenheit über die Kontinente hinweg. Und auch das Wissen darum, dass die wirklichen Lösungen letztlich auch global werden sein müssen, was das Medizinische anbelangt, ebenso Wirtschaft und Handel und auch die Politik – es ist bezeichnend, dass sich heute erstmals der Weltsicherheitsrat mit Covid19 befassen wird, da auch Auswirkungen auf Frieden und Sicherheit in der Welt absehbar sind.

Diese Fragen und Gedanken bewegen uns an der Botschaft und an den Generalkonsulaten, wie gewiss auch bei Ihnen, die Sie in Wirtschaft, Handel, im Finanzwesen Verantwortung tragen, für den Zugang zu Märkten, das jetzt oft besonders mühsame Aufrechterhalten von Kooperationen und Lieferketten, für das bei vielen um das Existenzielle ringende Umgehen mit Nachfrageeinbrüchen, ja Verantwortung für ganz unmittelbar die Gesundheit Ihrer Firmen wie Ihrer Mitarbeiter, für Erträge, Arbeitsplätze und Einkommen.

Deshalb, das will ich doch jetzt schon sagen, in dieser noch frühen Phase der Krise:
Seien Sie versichert, wir als Ihre Botschaft und Generalkonsulate ziehen mit Ihnen, mit der AHK, an einem Strang – wenn es jetzt darum geht, möglichst gut und ohne heftigere Schäden mit den für Russland, Moskau und die Regionen geltenden Regeln und den in Deutschland und der EU eingeführten Maßnahmen umzugehen.

Und wenn es später darum gehen wird, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, Ihre Firmen wieder hochzufahren, in einem Umfeld, das für viele Branchen gewiss alles andere als leicht sein wird.

Wir ziehen an einem Strang, weil uns als Botschaft auch in der Nach-Corona-Zeit an einem guten, kraftvollen, unter den gegebenen Umständen bestmöglichen Stand der deutschen Wirtschaft hier in Russland gelegen ist, an einem starken Handelsaustausch, stabilen Energie-Beziehungen, an enger und innovativer Kooperation in Wirtschaft und Forschung, und und und, bis hin zu unserem Interesse etwa am deutschen Spracherwerb in Russland, der auch eine Investition in das zukünftige wirtschaftliche Miteinander ist.

Dabei beginnt diese Phase „Zeit danach“ ja bereits jetzt. Sie alle sind bestimmt neben dem akuten Krisenmanagment mit Plänen und Kalkulationen für die zweite Jahreshälfte und die kommenden Jahre beschäftigt.

Vieles ist ungewiss, Parameter sind wenig belastbar, werden sich ändern, Perspektiven variieren.

Wichtig ist es, jetzt konzentriert und vorausschauend im Gespräch zu bleiben.

Sie tun dies in bemerkenswerter Intensität und Dichte untereinander. Ich danke Herrn Schepp, der Kammer und Ihnen allen ausdrücklich dafür.

Und ich danke auch dafür, dass der ständige Draht zur Botschaft, insbesondere unserer Wirtschaftsabteilung, und unseren Generalkonsulaten gerade in diesen schwierigen Zeiten eng ist und gut funktioniert – bei sehr praktischen, aktuellen Fragen, wie auch zu weiterreichenden Ideen und Ansätzen.

Bitte kommen Sie auf uns zu, natürlich auch mit Anregungen, wie die aktuelle Situation am besten gemeistert werden kann.

Im Gespräch bleiben - dafür setzen wir uns auch als Bundesregierung gegenüber den russischen Partnern gerade jetzt ausdrücklich ein. Und wir sind guter Dinge, dass die unterschiedlichen bilateralen Konsultationsforen ohne größere Unterbrechungen  stattfinden, ihre Frequenz aufrechterhalten bleibt - jetzt eben als Bild- oder Tonkonferenzen. Denn gerade die Beständigkeit dieses Austausches bleibt entscheidend, das wird uns jetzt vielleicht bewusster, als in der normalen Routine.

Zurück zu Fragen des aktuellen Krisenmanagements, das verlässliche und belastbare Informationen, braucht. Nutzen Sie, neben den vielen Quellen der Tagesaktualität, die Informationspakete, die die Botschaft und die Generalkonsulate über unsere Angebote in Internet und sozialen Medien zur Verfügung stellen. Gerade die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes werden derzeit laufend aktualisiert. Und nutzen Sie als Deutsche bitte auch das System Elefand, so dass Sie gerade in Krisenzeiten rasch erreichbar bleiben.

Ich erwähne dies, da sich bei Fragen der aktuell hier in Russland geltenden Regeln der persönlichen Bewegungsmöglichkeiten, bei den Zugängen zum Gesundheitssystem und bei den Reisemöglichkeiten ins Ausland derzeit sehr kurzfristig Änderungen ergeben, die kaum über Tage hinweg planen lassen.

Und ich erwähne die Frage nachprüfbarer Informationen auch, weil in dieser schwierigen Zeit leider auch viel Unwahres und Ungeprüftes in Umlauf gerät, ja bewusst lanciert wird. Dies geht von Details der Sinnhaftigkeit von Hygiene-Vorschriften bis zur Verzerrung der Leistungsfähigkeit und Solidaritätsbereitschaft der jeweiligen Gesellschaften und politischen Systeme.

Gerade vor dem Hintergrund der Notwendigkeit auch gemeinsamer, Grenzen überwindender Lösungswege scheint so manche Tonalität und Argumentation geradezu bizarr. 

Es geht jetzt doch in allen Ländern darum, das passende Maß zu finden und die richtigen Prioritäten zu setzen in der Sorge um die Gesundheit der Menschen und die Knappheiten in den Gesundheitswesen, und in der Sorge um die Wirtschaft und die Lebensgrundlagen, die sie schafft.

Und: es geht doch überall darum, den richtigen Mix an Vorsorge-Maßnahmen zu bestimmen, damit durch weniger Kontakte Ansteckungen vermieden und die Menschen geschützt werden – so unterschiedlich die Gewichtung von Überzeugungs- und Durchsetzungswillen auch ist.

Natürlich stellen sich auch Fragen der Solidarität über die Landesgrenzen hinaus, bis in unsere global vernetzte Weltwirtschaft, die den Blickwinkel des Gemeinsamen nicht verlieren dürfen – wohl alle werden einander am Ende dringend brauchen.

Nur hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf die umfangreichen und gewichtigen Schutz- und Unterstützungspakete der Bundesregierung und der Europäischen Union für Unternehmen und Arbeitsplätze, wie auch auf die Maßnahmenpakete, die in Russland und der EAWU derzeit geschnürt werden. Dabei wird es wichtig sein, früh zu erkennen, wie sich die Maßnahmen zur Linderung der Auswirkungen der Krise und zur zukünftigen Stützung der nationalen und regionalen Wirtschaft auf die bilateralen Kooperationsperspektiven auswirken. Nennen möchte ich nur beispielhaft das Stichwort des level playing field.

In diesem Sinne ein weiterer Blick nach vorne: Lassen Sie uns gemeinsam überlegen, wie wir, gerade auch mit den Erfahrungen, die wir alle mit dieser Krise machen und noch machen werden, mit neuen Initiativen die deutsch-russischen Beziehungen voranbringen können.

Vielleicht gerade zur rechten Zeit kommt das Deutschland-Jahr in Russland, das in der zweiten Jahreshälfte beginnen soll und das wir gemeinsam als Plattform nutzen können, um dem Miteinander nach den Corona-Pausen wieder Schwung und Elan zu geben, gerade auch unseren Wirtschaftsbeziehungen.

Es wird für uns alle, auch für Sie als Unternehmen, eine gute Gelegenheit sein, gemeinsam die Sichtbarkeit Deutschlands in ganz Russland zu nutzen und vor allem zukunftsorientierte Themen zu fördern.

Ich zähle auf Ihr, auf unser gemeinsames Engagement!

Ebenso wird das kommende deutsch-russische Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“ beste Anknüpfungspunkte bieten. Schon jetzt lade ich Sie ein, sich auch hier konzeptionell und aktiv einzubringen – und freue mich auf unseren Austausch dazu.

Mit diesem Ausblick bin ich zurück bei Ostern. Mögen die Daten der Feste auch etwas auseinanderliegen, verbindet die Menschen in unseren Ländern doch auch diese Zeit.

Ich wünsche Ihnen Kraft für verantwortungsvolle Entscheidungen und auch Ihren Familien Gesundheit und Wohlergehen.

nach oben