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Ansprache des Botschafters aus Anlass der Veranstaltung „Gerechte unter den Völkern aus Deutschland“

Ansprache des Botschafters aus Anlass der VeranstaltungGerechte unter den Völkern aus Deutschland, Moskau, 19.11.2018

Ansprache des Botschafters aus Anlass der Veranstaltung„Gerechte unter den Völkern aus Deutschland“, Moskau, 19.11.2018, © Российский еврейский конгресс

19.11.2018 - Rede

Sieben Jahre meines Lebens habe ich als Diplomat in Polen verbracht, bald fünf in Russland. Vier davon als Botschafter in Warschau und seit 2014 als Botschafter in Moskau.

Als deutscher Diplomat in diesen beiden Ländern zu leben und zu arbeiten bedeutet insbesondere auch beständige Auseinandersetzung und Begegnung mit der Vergangenheit, mit der Geschichte meines Landes, mit den Abgründen der nationalsozialistischen Zeit – mit Angriff und Besetzung, mit Schreckensherrschaft und Vernichtung. An keinem Ort außerhalb von Warschau bin ich in Polen wohl häufiger gewesen als in Auschwitz und an so vielen Orten mehr, deren Name mit dem Versuch verbunden ist, das jüdische Volk auszulöschen.

Vergleichbare Orte gibt es auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion weniger - Babi Jar (Бабий Яр), Maly Trostenez (Малый Тростенец) und Odessa sind einige - doch für den Versuch, Juden und jüdisches Leben insgesamt in dieser Region auszulöschen stehen eher Begriffe wie „Einsatzgruppen„ oder „Reichenau-Befehl“.

In bald zwölf Jahren, in denen ich als deutscher Diplomat in Polen und Russland mit dieser Vergangenheit konfrontiert gewesen bin, ist mir immer stärker bewusst geworden, dass es zwei Möglichkeiten gibt, damit umzugehen:

Zum einen, den Schrecken zu benennen. Wenn wir das geschehene Böse beim Namen nennen, so machen wir es nicht ungeschehen. Das ist unmöglich. Doch wir werden unserer Verantwortung gerecht, zu erinnern und damit zu mahnen – und wir haben vielleicht die Möglichkeit, den Opfern ein kleines Stück ihrer Würde zurückzugeben.

Die andere Möglichkeit, mit der Vergangenheit umzugehen, besteht darin, an Orten des Schreckens ganz einfach zu schweigen. Birkenau, das IX. Fort in Kowno oder die Gedenkstätte in Rostow am Don machen sprachlos. Die geschehenen Taten sind größer als jedes Wort.

Auch heute Abend fehlen mir eigentlich die Worte. Es fällt mir schwer, hier zu sprechen. Zumal es heute Abend darum geht, dass Deutsche Juden geholfen haben. Wie nahe liegt da das fatale Argument: Ja, aber es war eben nicht alles schlecht. Es ist ja auch die Gefahr solcher Relativierung, die uns schweigen lässt - so wir nicht genau solchen Versuchen widersprechen müssen.

Und doch ist es richtig, jener zu gedenken, die es unternommen haben, sich dem Strom der Vernichtung entgegen zu stellen und mit den kleinen Möglichkeiten, die sie hatten, Großes zu leisten. Weil uns ihr Handeln zum leuchtenden Beispiel werden kann. Für sie gilt, dass das ganze Dunkel der Welt nicht das Licht einer Kerze auslöschen kann.

Oder, wie es auf den Medaillen heißt, die den Gerechten unter den Völkern verliehen werden: „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.„

Das jüdische Volk – der Staat Israel – hat es auf sich genommen, dieser Gerechten zu gedenken und zu zeigen, dass es in schier auswegloser Zeit doch Auswege gibt, wenn der Mut über das Wegschauen siegt. Und dass es damit Vorbilder gibt, die die Fackel der Aufrichtigkeit und des Anstandes in die Zukunft tragen.

Unter den bald 27.000 Gerechten unter den Völkern befinden sich auch die Namen von 616 Deutschen. Dreier wollen wir heute Abend gedenken - dreier Menschen aus Berlin, aus unterschiedlichen sozialen Milieus, die sich tapfer von ihrem Gewissen haben leiten lassen.

In keiner Stadt haben zur Zeit des Dritten Reiches ‎mehr Juden versucht, in der Illegalität zu überleben, als in der deutschen Hauptstadt. Etwa 5 – 7.000 sind es gewesen, so schätzt man - und etwa 1.200 – 1.500 von ihnen haben überlebt. Und tausende haben ihnen geholfen, viele aus Anstand, nicht alle aus bloß ehrenwerten Motiven.

Dass und wie Juden in Berlin überlebt haben,  davon berichtet der Film, den  wir heute Abend sehen werden: “Überleben im Versteck“, so lautet sein Titel.

Einer der dort dargestellten Helfer ‎war Otto Weidt. Ein Mensch aus dem Arbeitermilieu, der seinen Beruf aufgeben musste, weil er zunehmend erblindete. Und so gründete er für andere geschädigte Menschen eine Werkstatt, die Besen und Bürsten herstellte. Nahezu alle seine Angestellten waren blinde, taube und stumme Juden. Und als die Deportationen begannen, kämpfte er zäh und entschlossen mit jedem Mittel, das helfen konnte um seine jüdischen Mitarbeiter. Eine Art Oskar Schindler mitten in Berlin. Bis in die Lager, so heißt es, reiste er seinen Schützlingen nach, um ihr Leben zu retten.‎

Neben Otto Weidt wollen wir heute zweier bemerkenswerter Frauen gedenken: Ruth Andreas-Friedrich ‎und Luise Meier.

Ruth Andreas-Friedrich entstammte dem, was man gutbürgerliche Kreise nennt. Als 1938 in Deutschland die Synagogen brannten, beschloss sie täglich aufzuschreiben, was sie hörte, sah und erlebte, denn es war ihr klar, so hat sie später gesagt, „wie schwer es einmal sein würde, denen von draußen zu beweisen, dass nicht jeder, der in Deutschland blieb, ein Nazi sei. Ihnen verständlich zu machen, warum wir blieben und nicht gingen.“ Mit Freunden gründete sie die Widerstandsgruppe „Onkel Emil“. Sie begingen Werksabotage, rissen Aufrufe von den Wänden, retteten Kriegsgegner vor dem Wehrdienst, versorgten politische Flüchtlinge und jüdische Mitbürger mit Ausweispapieren, beherbergten sie und beschafften Lebensmittel.

Und schließlich Luise Meier, eine verwitwete Hausfrau und Mutter von vier Kindern. Als gläubige Christin lehnte sie das NS-Regime ab. Sie verfügte weder über große Mittel noch über ein Netzwerk Gleichgesinnter. Doch in ihrer Wohnung nahm sie zunächst Juden auf, die sie von früher kannte, später half sie auch Juden, die sie nie zuvor gesehen hatte. Sie begleitete sie auf der Zugreise quer durch Deutschland Richtung Schweiz, schleust sie unterwegs durch Kontrollen und brachte sie in der Stadt Singen mit einem Mann zusammen, der ihnen über die Grenze half. Ein Wagnis für sie wie für alle anderen – denn selbst Fluchthilfe für NS-Verfolgte wurde mit Haftstrafen, manchmal mit Einweisung ins Konzentrationslager geahndet. Luise Meier wurde 1944 verhaftet und vor dem Volksgerichtshof in Berlin angeklagt. Zu einer Verurteilung kam es nicht mehr, mit Kriegsende wurde sie befreit.
Von ihrem mutigen und aufrichtigen Tun hat sie später stets nur mit großer Bescheidenheit gesprochen.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen, dass Sie heute gekommen sind, ich danke dem Russisch-Jüdischen ‎Kongress für diese Veranstaltung und Ehrung - und ich danke Ihnen allen für Ihr Interesse daran, dass es in dunkelster Zeit auch in meinem Land Gerechte unter den Völkern gegeben hat.

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