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Ansprache des Botschafters von Fritsch zum Volkstrauertag

Botschafter von Fritsch legt Kranz am Gedenkstein nieder

Botschafter von Fritsch legt Kranz am Gedenkstein nieder, © Deutsche Botschaft Moskau

18.11.2018 - Rede

Kriegsgräberfriedhof Moskau-Ljublino, 18.11.2018

Am 18.11.1916, also heute vor genau 102 Jahren, endete in Frankreich die Schlacht an der Somme. Sie war mit über einer Million Toten und Verwundeten die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkrieges an der Westfront. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte es ein solches Blutvergießen gegeben. Diese Schlacht, die so viele Menschenleben kostete, ging ohne Sieger aus. Sie ist bis heute Symbol für das Grauen des Krieges und die Schrecken des Grabenkampfes.

Der Erste Weltkrieg kostete fast 20 Millionen Menschen das Leben, darunter 10 Millionen Zivilisten. Etwa 2 Millionen deutsche Soldaten starben; 1, 8 Millionen russische Soldaten sahen ihre Heimat nie wieder. Viele kehrten psychisch und physisch versehrt zurück.

Als vor fast genau hundert Jahren, am 11.11.1918, mit dem Waffenstillstand von Compiègne endlich die Waffen schwiegen, ahnte noch niemand, dass der Erste Weltkrieg mit seinen vielen Opfern lediglich der Auftakt eines blutigen und gewalttätigen 20. Jahrhunderts sein sollte.

Der Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 kostete mehr als 20 Millionen sowjetische Bürger das Leben, darunter unzählige Zivilisten. Und der Krieg, der von Deutschland ausging ist auch schrecklich auf mein Land zurückgefallen.

Friedhof Ljublino
Friedhof Ljublino© Deutsche Botschaft Moskau

Wir sind dankbar, dass wir uns heute hier versammeln können, auf russischem Boden, um der deutschen Toten dieser beiden Kriege zu gedenken. Denn die Jahrzehnte, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangenen sind, sind keine lange Zeit im kollektiven Gedächtnis eines Volkes. Es erfüllt mich mit tiefem Respekt, dass die Bevölkerung uns an vielen Orten trotz des Leids, dass sie durch Deutsche erlitten hat, die Hand zur Versöhnung gereicht hat. Die Errichtung dieses und vieler anderer deutscher Soldatenfriedhöfe in Russland war nur möglich, weil Menschen vor Ort dabei halfen, die Gräber deutscher Soldaten zu finden und weil sie der Errichtung von Kriegsgräberstätten wie dieser zustimmten.

Wir haben uns auch in diesem November wieder versammelt, um in unserem hektischen Alltag einen Moment innezuhalten und der Toten der beiden Weltkriege zu gedenken, der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und der Mahnung, die uns aus diesem Tod und Leid erwächst.

Zu den Toten jenes schrecklichen zweiten Weltkrieges gehören zwei Brüder meiner Eltern, die beide als Soldaten fielen und deren Namen ich heute einmal aufrufen will - auch weil der Unterschied ihrer Schicksale so typisch ist. Der eine, Karl-Erdmann Freiherr von Fritsch, war Berufsoffizier, machte den gesamten Krieg mit, auch hier in Russland - und fiel wenige Tage vor dessen Ende. Der andere, Paul Baron von Hahn, fiel im August 1942 in Mosdok im Nordkaukasus - mit 18 Jahren, nach Notabitur, kurzer militärischer Ausbildung und einem ebenso kurzem Einsatz als einfacher Soldat.

Botschafter von Fritsch
Botschafter von Fritsch© Deutsche Botschaft Moskau

Viele derjenigen, die hier auf diesem Friedhof begraben liegen, sind nicht viel älter geworden (in ganz jungem Alter gefallen). Wir gedenken heute dieser jungen Männer, die nie die Möglichkeit hatten, zu heiraten, eine Familie zu gründen und ihre Enkel groß werden zu sehen. Wir gedenken der Soldaten aller Seiten, die in den Kriegen ihr Leben lassen mussten. Wir verneigen uns vor dem Schmerz der Hinterbliebenen, die ihre Männer, Väter oder Brüder bis heute vermissen - oder die ihre Großväter oder die Brüder ihrer Eltern nie haben kennen lernen können.

Wir gedenken der zivilen Opfer, der Frauen und Kinder, der Wehrlosen, die unter Krieg, Hunger, Krankheit gelitten haben oder daran gestorben sind. Wir gedenken jener, vor allem der Frauen, die dadurch schweres Leid erfuhren oder starben, dass ihnen in Folge des Krieges Gewalt angetan wurde.

Wir gedenken der Opfer der Verbrechen totalitärer Herrschaft, der Menschen, die durch sie Verfolgung und Gewalt erlitten haben, der Menschen, die ermordet wurden.

Verehrte Teilnehmer, die Gräber vor uns sind ein Ort der Trauer und Erinnerung an die Toten. Doch sie sind mehr als das. Sie sind eine Mahnung an uns Hinterbliebene, den Frieden zu schätzen und zu bewahren, und zugleich ein Symbol der Versöhnung zwischen ehemaligen Gegnern.

Und so verlassen wir diesen Ort - berührt in Erinnerung an die Toten, mit dem Bewusstsein dafür, wie wertvoll der Frieden ist, und mit Dankbarkeit für die zur Versöhnung ausgestreckte Hand.




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