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Ansprache des Botschafters aus Anlass der Verleihung des deutsch-französischen Menschenrechtspreises an Jelena Milaschina am 13.12.2017  

Verleihung des deutsch-französischen Menschenrechtspreises an Jelena Milaschina

Verleihung des deutsch-französischen Menschenrechtspreises an Jelena Milaschina, © Diana Radjib/Ambassade de France en Russie

13.12.2017 - Rede
Sehr verehrte, liebe Jelena Milaschina, 

lassen Sie mich, in dem Versuch, Ihre Arbeit, Ihre Leistungen, Ihre Verdienste ein wenig zu würdigen, mit einem Zitat von Ihnen selbst beginnen: „Ich bin in einem gewissen Sinne eine ungewöhnliche russische Journalistin, weil ich das schreiben kann, was ich sehe, und genau das sagen, was die Menschen mir erzählen.“ 

Ein solcher Satz wäre nichts Besonderes, würde eine Journalistin in Rom oder Paris, in London oder Berlin ihn äußern. In Russland ist es ein ungewöhnlicher Satz. Er sagt viel über den Zustand von Presse- und Meinungsfreiheit in diesem Land. Er sagt viel über eine kleine, große Zeitung, die „Nowaja Gasjeta“, die einer Journalistin wie Ihnen den Raum schafft, sich zu entfalten. Und er sagt so sehr viel über Sie – eine sehr bescheidene und mutige Journalistin. Bescheiden, weil Sie vorgeben, eigentlich nur normale journalistische Arbeit zu tun. Mutig, weil die Themen, die Sie aufgreifen, und das, was Sie darüber schreiben, ganz außergewöhnlich sind, immer wieder. Und Sie sind eine außerordentlich begabte Journalistin, denn sonst kämen Sie nicht an die gleichermaßen ungewöhnlichen Informationen, die Ihre Artikel ausmachen, sonst würden Menschen Ihnen nicht so vieles anvertrauen. 

Dies gilt insbesondere für jene Region, über die Sie berichten wie eigentlich kaum jemand sonst: den nördlichen Kaukasus, insbesondere Tschetschenien. Sie berichten über Menschen, die verfolgt oder gefoltert werden, ohne Gerichtsverfahren eingesperrt oder getötet werden. Bei der „Nowaja Gasjeta“ sind Sie damit in die Fußstapfen von Anna Politkowskaja getreten, die für Sie nicht allein Kollegin, sondern – wie Sie sagen – vor allem auch Lehrerin war, als diese 2006 ermordet wurde. 

Damals verbanden sich bereits viele Ereignisse und Themen mit Ihrem Namen, tragische Ereignisse aus der jüngeren Geschichte dieses Landes: der Untergang der „Kursk“, die Besetzung des Nord-Ost-Theaters, die Geiselnahme der Schule in Beslan, die Ermordung Ihrer Freundin und Kollegin Natalija Estemirowa. Bereits damals waren Sie schon für das bekannt, was Ihre Arbeit auch heute noch auszeichnet: Sie schauen nicht allein sehr genau hin und berichten präzise, Sie bleiben auch an den Themen dran und fragen nach. So in Beslan, als es Ihnen nicht allein um die Darstellung der Tragödie an sich ging, sondern um die Frage: Wer eigentlich hat denn (als Erster) geschossen, wer hat denn den Tod so vieler Menschen, darunter einer so großen Zahl von Kindern, wirklich zu verantworten? 

Mehr als einmal sind Sie schon für das, was Sie aufdecken und berichten bedroht worden, so auch für Ihre Berichte vom Frühjahr diesen Jahres. 

Im April 2017 haben Sie in der „Nowaja Gasjeta“ mit einer Serie von Artikeln erst Ihre Leserschaft und in kürzester Zeit die Weltöffentlichkeit auf Vorgänge aufmerksam gemacht, die auf den ersten Blick kaum möglich erschienen, selbst in Tschetschenien: In großer Zahl wurden Menschen verfolgt, gefoltert und in einzelnen Fällen auch ermordet – aus dem einzigen Grund, dass sie eine homosexuelle Neigung hatten. Immer mehr Informationen konnten Sie dabei zutage fördern, sodass Menschenrechtsorganisationen nach kurzer Zeit in der Lage waren, sich sehr konkret der Not jener Verfolgten anzunehmen, darunter das LGBT-Netzwerk, das sich im Folgenden große Verdienste erworben hat. Und es ist Ihnen gelungen, ebenfalls in kurzer Zeit die Politik zu alarmieren: Zunächst Regierungen im Ausland, darunter jene Frankreichs und Deutschlands, dann aber auch die Führung dieses Landes, die erst zögerlich, dann aber unter dem wachsenden Druck internationaler Aufmerksamkeit und Erörterung begann, sich der Thematik anzunehmen und weiteren Übergriffen zunächst ein Ende zu setzen. Das Geschehene harrt allerdings unverändert abschließender Aufklärung. 

Liebe Jelena Milaschina, einmal mehr haben Sie sich, in journalistisch hervorragender Arbeit und mit großem Mut außerordentliche Verdienste darum erworben, Verletzungen von Menschenrechten und Verfolgung bekannt zu machen. Doch darüber hinaus haben Sie sich auch das Verdienst darum erworben, dass in Not Geratenen auch tatsächlich geholfen werden konnte. 

Dafür gebührt Ihnen der Dank so Vieler, dafür erhalten Sie hochverdient den deutsch-französischen Menschenrechtspreis 2017. Ich gratuliere Ihnen und wünsche Ihnen, dass Sie auch weiterhin mit Engagement, Mut und Nachdruck dem nachgehen, was Sie einmal als Ziel Ihrer Arbeit bezeichnet haben: „Männer und Frauen dazu zu inspirieren, sich für die Wahrheit zu interessieren.

Hintergrund


Deutsch-Französischer Preis für Menschenrechte
Deutsch-Französischer Preis für Menschenrechte© AA

Deutschland und Frankreich vergeben in diesem Jahr zum zweiten Mal anlässlich des Tages der Menschenrechte (10. Dezember) den Deutsch-Französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Ziel des Preises ist es, Persönlichkeiten zu würdigen und zu unterstützen, die sich in ihrem Heimatland, in anderen Ländern und auf internationaler Ebene um den Schutz und die Förderung der Menschenrechte verdient gemacht oder Initiativen zur Förderung von Rechtsstaatlichkeit ins Leben gerufen haben.

Mit dem Preis setzen Deutschland und Frankeich ein deutliches Signal für ihr Engagement und ihre gemeinsame Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Menschenrechte. Die Ehrungen erfolgen in diesem Jahr in den Gastländern der Preisträgerinnen und Preisträger durch die jeweiligen deutschen und französischen Botschafterinnen und Botschafter.

Deutsch-Französischer Preis für Menschenrechte
Deutsch-Französischer Preis für Menschenrechte© AA
Die Preisträger 2017 sind: Herr Adilur Rahman Kahn (Bangladesch), Herr Nounongnon Balbylas Gbaguidi (Benin), Frau Gracia Violeta Ross Quiroga (Bolivien), Frau Ragia Omran (Ägypten), Herr César Ricaurte (Ecuador), Herr Abdullah Al Khonaini (Kuwait), Herr Bekim Asani (ejR Mazedonien), Frau Mandira Sharma (Nepal), Frau Grace Osakue (Nigeria), Frau Rosemarie Trajano (Philippinen), Frau Elena Milashina (Russland), Frau Shreen Abdul Saroor (Sri Lanka), Herr Kerem Altiparmak (Türkei), Herr Pavlo Lysianskyi (Ukraine), Frau Liliana Ortega Mendoza (Venezuela)