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Grußwort von Botschafter Rüdiger Freiherr von Fritsch anlässlich seines Besuchs der deutschen Kriegsgräberstätte in Apscheronsk

Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018

Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018, © Uwe Zucchi

25.08.2018 - Rede

Zehn Jahre ist es her, dass diese eindrucksvolle Kriegsgräberstätte eingeweiht wurde. Fast 18.000 Deutsche haben hier seither ihre letzte Ruhe gefunden, in einer so friedlichen Umgebung.

Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018
Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018© Uwe Zucchi

In der Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt, ist es schwer, sich die Schrecken und das Leid der furchtbaren Kämpfe zu vergewärtigen, die in der Kaukasusregion zwischen Sommer 1942 und Herbst 1943 tobten und die so viele das Leben kosteten. Wir sind heute zusammengekommen, um der deutschen Soldaten zu gedenken, die nun hier ruhen,– wie auch der Soldaten der sowjetischen Streitkräfte, die bei diesen Kämpfen ihr Leben ließen, sowie aller anderen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

200 Angehörige nahmen vor zehn Jahren an dieser Stelle an der feierlichen Einbettung der Toten teil. Die Tatsache, dass so viele Hinterbliebene den weiten Weg bis in das südlichste Russland auf sich genommen hatten und auch in diesem Jahr wieder auf sich genommen haben, zeigt, wie sehr der Tod dieser jungen Männer in den Familien bis heute nachwirkt. Noch immer ist die Erzählung vom Krieg in den Familien präsent, berührt uns die Betroffenheit unserer Eltern und Großeltern über den Verlust ihrer Liebsten. Und sie verdeutlicht, wie wichtig es ist, einen Ort der Trauer und der Erinnerung zu haben, wie tröstlich es ist, am Grab unserer Angehörigen zu stehen, ihren Namen auf den Stelen zu finden.

Worum es dabei geht, das hat der junge russische Schriftsteller Sergej Lebedew in seinem eindrucksvollen Buch "Menschen im August" so formuliert: "Wenn ich dem Vergessen einige Menschen entreißen könnte, ‎wäre das ein großartiges Werk, das auf der Waage des Lebens Gewicht hätte.“

Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018
Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018© Uwe Zucchi

Einer der Soldaten, an den hier erinnert wird, ist auf den Tag genau heute vor 76 Jahren gefallen, am 25. August 1942. Es war der 18 Jahre alte Gefreite Paul Baron von Hahn, der nach Notabitur und kurzer militärischer Ausbildung in einen ebenso kurzen Einsatz kam und in Mosdok den Tod fand. Er war der Bruder meiner Mutter – und seit ich Botschafter in Russland bin, habe ich hierher, nach Apscheronsk kommen wollen. Und die Hoffnung meiner Familie ist es, dass eines Tages auch sein Grab gefunden wird.

Mein Damen und Herren, dass wir damals und heute hier zusammen gedenken können, verdanken wir russischen Veteranen aus Apscheronsk. Dank ihrer Unterstützung konnte diese Kriegsgräberstätte errichtet werden. Ich empfinde großen Respekt dafür, dass sie trotz des unermesslichen Leids, das Deutsche über die Völker der Sowjetunion gebracht haben und das sie am eigenen Leib erfahren mussten, ihre Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben.

Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018
Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018© Uwe Zucchi

Dankbar ergreifen wir diese Hand – in dem Wissen, dass die russische Bevölkerung unter dem Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands  besonders zu leiden hatte und in dem Bewusstsein der Verantwortung, die uns hieraus erwächst: Die Verantwortung, an das Unrecht dieses Krieges zu erinnern und dem Frieden verpflichtet zu bleiben. Diese Mahnung und Verpflichtung spüre ich an diesem Ort auch sehr persönlich.

Unsere vornehmliche und vornehme Aufgabe liegt nun darin, das Bewusstsein für diese Verantwortung an die nachwachsenden Generationen weiterzugeben. Für die meisten von ihnen sind Krieg und Gewaltherrschaft zum Glück etwas Abstraktes und weit Entferntes, etwas, dass man allenfalls aus dem Geschichtsunterricht und dem Fernsehen kennt. Und das man deswegen möglicherweise auch nur mit Sieg und Heldentum verbindet. Erst aus der Erinnerung an den Schrecken und das Leid des Krieges erwächst uns jedoch die Mahnung.

Auch deswegen ist es so wichtig, dass junge Russen und Deutsche sich begegnen, austauschen, Freundschaft schließen – und sich auch über die Vergangenheit austauschen. Auch dies ist vor zehn Jahren hier geschehen, als  deutsche und russische Jugendliche gemeinsam auf diesem Friedhof die Grabsteine gereinigt und die Grünanlagen gepflegt haben.

Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018
Botschafter von Fritsch, Kriegsgräberstätte Apscheronsk, 25.08.2018© Uwe Zucchi

Mein herzlicher Dank gilt allen, die vor zehn Jahren und in den vergangen zehn Jahren dazu beigetragen haben, dass dieser besondere Ort, die deutsche Kriegsgräberstätte Apscheronsk, errichtet und unterhalten wurde.

Wenn wir diesen Ort heute wieder verlassen, so können wir uns daran erinnern, dass er nicht nur Schrecken und Tod, Gewalt und Zerstörung dokumentiert, sondern auch Versöhnung und Verständigung, dass er ein Ort der Mahnung ist zum Frieden.

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