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Rede von Staatsministerin Müntefering zum 100-jährigen Jubiläum des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

16.09.2019 - Rede

Den Krieg und seine Gräuel beschreibt kaum ein Autor so eindringlich und so aufrüttelnd wie Erich Maria Remarque in seinem Werk „Im Westen nichts Neues“:

„Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist!

Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen zu Hunderttausenden existieren. Erst das Lazarett zeigt, was der Krieg ist.“

Remarque bringt zu Papier, was meine Generation in diesem Teil, in Europa, zu unserem Glück nie selbst erleben musste. Er schreibt es unter dem Eindruck und noch während des Ersten Weltkriegs. Seine Schilderungen des Krieges so unmenschlich und doch von Menschen gemacht, versetzen uns zurück in eine Zeit, in der sich eben die grausamen, hässlichen Seiten des Menschen auf unvorstellbare Weise zeigten.

Auch 100 Jahre später – nach über 7 Jahrzehnten Frieden in Europa - mahnen uns seine Worte, die Erinnerung an das Unfassbare, an das Unbeschreibliche, die Schrecken und Leiden von Krieg und Gewalt niemals zu vergessen.

Wie sich die Worte als eine ewige Ermahnung, die für alle Zeiten lebendig bleibt, auf den Geist des Lesers legen, so erstrecken sich die Kriegsgräber in ihren scheinbar endlos langen Reihen als stummer Schrei bis tief in die Empfindung derjenigen, die sie besuchen.

Wer einmal Kriegsgräberfelder - etwa in Verdun oder Ypern - besucht hat, trägt diese Eindrücke fortan unweigerlich mit sich.

Europa war über Jahrhunderte ein Kontinent des Krieges - das ist die Wahrheit, die sich über die unzähligen Gräber erstreckt.

Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kriegsgräber in ganz Europa und darüber hinaus zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen.

Er hat damit eine wichtige Aufgabe: das Wachhalten der Erinnerung als Grundlage für Versöhnung und Verständigung. Das, verehrte Damen und Herren, ist Friedensarbeit.

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen von Bundesminister Maas begrüße ich Sie sehr herzlich zum heutigen Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Es ist mir eine Ehre, dieses Jubiläum gemeinsam mit Ihnen hier im Weltsaal des Auswärtigen Amts begehen zu dürfen.

Damit möchten wir zum Einen diese wichtige Arbeit des Volksbundes würdigen, uns zugleich aber auch für die ausgezeichnete Zusammenarbeit, die zwischen dem Volksbund, der Bundesregierung, aber auch dem Deutschen Bundesstag seit Jahrzehnten besteht, bedanken.

Meine Generation kann es sich heute wohl kaum mehr vorstellen: vor rund 100 Jahren findet ein Krieg sein Ende, von Deutschland entfacht, in dem der Tod von Menschen regelrecht industrialisiert wurde.

In dieser Situation finden sich im September 1919, die blutgetränkten Schlachtfelder vor Augen, acht Männer zusammen und beschließen, unter dem Eindruck all des unermesslichen Leids des Ersten Weltkrieges, sich um die deutschen Kriegsgräber „fern der Heimat“ zu kümmern.

Die Dimension der Aufgabe angesichts der vielen Millionen Toten im Ersten Weltkrieg kann ihnen in diesem Moment kaum bewusst gewesen sein.

Und wie hätten sie sich wohl vorstellen oder ahnen können, dass es nur wenige Jahre später, nachdem im Dezember 1919 der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Berlin gegründet wurde, ein weiterer Krieg folgen sollte. Der Zweite Weltkrieg, der mit der Shoa das Unvorstellbare, das Unmenschliche Wirklichkeit werden ließ.

Wer schon einmal auf einem Soldatenfriedhof war, der weiß, dass es wenige Orte gibt, an denen man die Folgen des Krieges so eindringlich erlebt. Wer zwischen den langen Reihen von Kreuzen schreitet, dem wird vor Augen geführt, welche Folgen und Feindschaft haben kann.

Erst vor wenigen Tagen konnte ich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Besuch nach Polen zum Anlass von 80 Jahren Überfall auf Polen und Kriegsbeginn begleiten.

Dass der polnische und der deutsche Präsident dort sprechen konnten, war eine gute, eine bewegende Versöhnungsgeste. Es war zu spüren, wie sehr diese Kriege und ihre Folgen sich noch immer auf unsere Gesellschaften auswirken.

Und auch, wie die Familien, die Zeitzeugen und ihre Nachfahren noch heute an diesen schrecklichen Verbrechenleiden. 

Je mehr die Erinnerung an diese Kriege verblasst, umso wichtiger ist es, die Erinnerung wachzuhalten, um den Frieden auf Dauer zu bewahren.

Geschichte kennt keinen Automatismus, aber wir können aus ihr lernen. „Nie wieder Krieg“ - ob sich diese Forderung aus der Weimarer Zeit, diese Einsicht durchsetzt, bleibt abzuwarten. 

Denn trotz aller Fortschritte, trotz der Errungenschaft der Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen und des Grundgesetzes, dessen 70. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern konnten, dreht sich die Spirale der Gewalt doch in so vielen Konflikten auf der Welt weiter.

Es ist an uns in die Speiche zu greifen - und politische Verantwortung zu übernehmen.

Gerade heute, in denen Nationalismus auch bei uns in Europa wieder stärker wird, gilt es umso mehr, für jeden einzelnen, für Demokratie, Frieden und Freiheit einzustehen.

So wie die Geschichte keinen Automatismus kennt, weil sie von Menschen gemacht ist, ist Demokratie und Frieden kein Zustand von Gesellschaften, der, sobald er einmal erreicht ist, ohne weitere Anstrengungen fortbesteht. Sie müssen immer wieder aufs Neue erkämpft und auch verteidigt werden.

Ungefährdet ist Demokratie nie. Auch heute, auch in Deutschland, nicht. Gerade heute muss klarer denn je sein, dass dieser Frieden, dass Demokratie und Menschenrechte immer wieder neu erkämpft werden müssen.

Frieden und Wohlstand aber können nur dann langfristig gesichert werden, wenn die internationale Gemeinschaft es schafft, gemeinsam kluge, nachhaltige und gerechte Lösungen für die Fragen unserer Zeit zu finden. Das kann nur im Dialog geschehen.

Und das gilt auch für die Zukunft und die künftige Rolle Europas in der Welt: Gerade jetzt, wenn sich bislang verlässliche Partner aus ihrer Verantwortung zurückziehen und Krisen und Konflikte in der Welt weiter zunehmen, müssen wir alles daran setzen, den Zusammenhalt Europas weiter zu stärken.

Und gerade in einer globalisierten Welt sind die Verständigung und die Beteiligung der Zivilgesellschaften etwas, das wir noch stärker unterstützen müssen. Denn nur gemeinsam können wir die großen Fragen unserer Zeit – Klimawandel, Digitalisierung und Migration -, die immer wieder auch zu Kriegen und Konflikten führen, nicht allein national beantworten.

Das müssen wir all denen entgegen halten, die meinen, sich zurückziehen zu können in ihr nationales Schneckenhaus.

Der Volksbund hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg früh um die Förderung von Versöhnung und Frieden bemüht und seine Arbeit unter das Motto „Arbeit für den Frieden – Versöhnung über den Gräbern“ gestellt.

Seit den 1950er Jahren arbeitet er verstärkt mit jungen Menschen, kooperiert er mit Bildungseinrichtungen, insbesondere auch mit Schulen.

Jedes Jahr erreicht der Volksbund etwa 20.000 junge Menschen und ermöglicht ihnen, sich mit den Wurzeln von Extremismus, Rassismus und Gewalt auseinanderzusetzen.

Diese Arbeit für Verständigung, Versöhnung und Frieden ist europaweit anerkannt und wurde mehrfach mit renommierten Auszeichnungen gewürdigt.

Ich halte diesen Teil der Arbeit für besonders wichtig, denn wir müssen gemeinsam für die Zukunft arbeiten.

Das Auswärtige Amt ist auch mit Blick auf 75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg mit dem Volksbund in Gesprächen zu einem ganz besonderen Projekt: 300 europäische Jugendliche sollen auf unterschiedlichen Routen quer durch Europa beider Weltkriege gemeinsam gedenken. Es geht darum, dass sie ein eigenes kritisches, historisches Bewusstsein entwickeln und ihre eigenen Zugänge zur Auseinandersetzung finden.

Der Volksbund geht genau in diese Richtung, auch indem Kriegsgräberstätten zu Lern- und Gedenkorten entwickelt werden, um es in Zukunft noch mehr Besuchern und künftigen Generationen zu ermöglichen, sich über das Kriegsgeschehen vor Ort und die Schicksale der dort ruhenden Toten zu informieren und sich kritisch mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Meine Unterstützung und die des Auswärtigen Amtes auf diesem Weg haben Sie.

Auch die Zusammenarbeit mit seinen internationalen Partnern intensiviert der Volksbund. Noch immer liegen dem Volksbund weit über 800.000 Meldungen über Grablagen vor, die überprüft und deren Tote geborgen werden müssen.

Immer noch gibt es Angehörige, die auf Nachricht warten. Immer noch gibt es Familien, die nicht wissen, wo ihre Angehörigen verblieben sind, die nicht wissen, wo sie hingehen können, um zu trauern.

Doch zugleich – und das ist eine gute Nachricht - können durch den Volksbund immer noch Kriegsschicksale geklärt werden. Der Volksbund hat sich damit über Jahrzehnte als überaus engagierter und herausragender Partner der Bundesregierung beim Erhalt und der Pflege deutscher Kriegsgräber in aller Welt erwiesen.

Und mehr noch: Er ist in 46 Staaten zu einem wichtigen Partner geworden, in denen er mehr als 830 Kriegsgräberstätten. pflegt und erhält.

Damit hat sich Volksbund über die eigentliche Kriegsgräberfürsorge hinaus zu einem wichtigen Akteur der Friedens- und Gedenkarbeit entwickelt.

Sehr verehrte Damen und Herren, Europa hat in den letzten 70 Jahren eine in seiner Geschichte beispiellose Zeit des Friedens erlebt. Aber dieser Frieden ist keine Selbstverständlichkeit.

Der Frieden kennt keine Ewigkeitsgarantie – er muss immer wieder neu erschaffen und erhalten werden. Das braucht Tatkraft, Einsatz, Mut.

So, wie es der Leitspruch des Volksbunds für das Jubiläumsjahr treffend zusammenfasst „Frieden braucht Mut“. Die Kriegsgräber und die Arbeit des Volksbundes selbst er-mutigen.

Ich möchte deshalb Ihnen, lieber Herr Schneiderhan, und Ihnen, liebe Frau Schily, und Ihren vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier und heute für Ihren unermüdlichen Einsatz danken.

Für den Erhalt und die Pflege der Kriegsgräberstätten - eine wichtige Arbeit für die Angehörigen und Familien der Toten, aber auch für die internationale Verständigung und Versöhnung.

Meine Anerkennung gilt dem Volksbund auch für seine Bildungsarbeit, mit der er über Generationen hinweg zu Völkerverständigung und Toleranz beigetragen hat.

Nicht zuletzt gilt mein Dank ganz besonders all den ehrenamtlichen Helfern und jenen, die mit Ihren Beiträgen und Spenden die Arbeit des Volksbunds unterstützen. Ohne dieses Zutun wäre ihre Arbeit nicht möglich.

Sehr geehrte Damen und Herren,

als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg endete, hatte die internationale Gemeinschaft mit den Haager Friedenskonferenzen und dem Völkerbund das Ziel, in einer internationalen, multilateralen Struktur dauerhaft Frieden zu sichern.

In Deutschland kam es zu einem demokratischen Frühling, einem „Weimarer Frühling“. Im Januar 1919 fanden freie Wahlen statt, bei denen erstmals auch Frauen zugelassen sind.

Letztlich scheiterte diese erste deutsche Demokratie jedoch, auch an dem mangelnden Vertrauen der Menschen in die eigene demokratische Stärke, aber auch, weil Extremisten massiv gegen sie ankämpften und anderen der Mut fehlte, dagegen anzukämpfen oder aufzustehen.

Deswegen sind - gerade wegen unserer deutschen, unserer europäischen Geschichte - 100 Jahre Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auch ein Signal für die Zukunft.

Wo Demokratie standhaft und lebendig ist, da pflegen Demokratinnen und Demokraten auch die Erinnerung, da widmen sie sich der Bildung der kommenden Generation. Einer Generation, die aus Geschichte lernen kann.

Ich bin dankbar dafür, dass die Bundesregierung sich dabei auf den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als starken, zuverlässigen Partner stützen kann. Ich kann Ihnen versichern, dass auch die Bundesregierung weiterhin an der Seite des Volksbundes steht.

Vielen Dank!

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