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Brief von Botschafter von Geyr an deutsche Landsleute in Russland vom 6. April 2020

06.04.2020 - Artikel

Botschafter von Geyr ruft Landsleute zur Beachtung der Verhaltensregeln in der Corona-Krise auf. In diesen ungewohnten Zeiten wünscht er allen schöne Ostertage und erinnert daran, dass wir mit unserem Verhalten nicht nur für uns selbst Sorge tragen, sondern auch für alle, denen wir begegnen.

Liebe Landsleute,

Botschafter Dr. Géza Andreas von Geyr
Botschafter Dr. Géza Andreas von Geyr© Nikita Markov

wir stehen am Anfang der Osterzeit und seit meinem letzten Schreiben sind nur wenige Tage vergangen. Für uns alle waren dies Tage voller Sorge, wie sich die Ausbreitung des Virus COVID-19 wohl gestalten werde. Und es waren auch Tage der Anspannung, was das wohl für unser eigenes Leben der kommenden Wochen, vielleicht Monate, hier in Russland, oder das unserer Angehörigen und Freunde in Deutschland und in der Welt bedeuten werde.

Gewiss haben Sie die eindringlichen Reden und Appelle des russischen Staatspräsidenten, des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin gesehen oder gehört, aus denen sich nunmehr sehr konkrete Regeln und Verhaltensanweisungen ergeben haben.

Ich bitte Sie daher erneut, sich mit den hier in Russland, in Moskau und in den Regionen geltenden Vorschriften gut vertraut zu machen und diese unbedingt einzuhalten.

So unterschiedlich das Stadium der Verbreitung des Virus auch ist und die Ausgestaltung und Umsetzung der jeweiligen Regeln in unseren Ländern auch sein mögen – sie folgen einer Logik und einem Ziel:

Mehr Hygiene und weniger direkte Kontakte bedeuten weniger Ansteckungsgefahr und damit mehr Schutz.

Bitte nehmen Sie sich dies besonders zu Herzen: Jeder von uns kann von Corona betroffen sein, wie auch die Selbstisolierung des russischen Präsidenten und der Bundeskanzlerin, die unbewusst in Kontakt mit Infizierten waren, zeigt.

Und jeder muss durch umsichtiges Verhalten dazu beitragen, dass die Ausbreitung verringert und verlangsamt wird. Nur so werden diejenigen, die besondere medizinische Betreuung brauchen, diese, soweit sie in den jeweiligen Ländern zur Verfügung steht, auch erhalten können.

Dabei, ich hatte es erwähnt, befinden wir uns hier in Russland bei der Verbreitung des Virus in einem früheren Stadium als in Deutschland und vielen anderen Ländern. Die russischen Stellen unternehmen große Anstrengungen mit einschneidenden Maßnahmen die Ausbreitung einzudämmen. Auch hier schnellen die offiziell bestätigten Zahlen in die Höhe, besonders in Moskau, und auch hier werden die Vorsorge-Pläne und insbesondere das Gesundheitssystem in den kommenden Wochen eine schwere Prüfung bestehen müssen.

Für uns an der Botschaft und an den Generalkonsulaten ist dies eine besonders fordernde Zeit. Wir stellen unsere Schwerpunkte um und passen unsere Arbeitsweise weiter an.

Dabei folgen wir zwei Prinzipien und verbinden diese: zum einen Sicherheit und Vorsorge für unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zum anderen das Wahrnehmen unserer Aufgaben, dabei insbesondere die Unterstützung Ihrer Anliegen, der hier in Russland lebenden Deutschen, gerade in dieser schwierigen Phase.

Deshalb, seien Sie versichert, dass wir, auch wenn wir Ihnen vorübergehend nicht alle gewohnten Dienstleistungen anbieten können, doch für Sie da sind unter der zentralen Email-Adresse sowie unter der Telefonnummer +7 495 937 9500.

Da in diesen Zeiten Vieles noch digitaler geschieht als bisher, haben wir unsere Informationspakete an-gepasst, auf dem zentralen Informationsportal der Botschaft germania-online.diplo.de und in den sozialen Medien (Twitter, Instagram, Facebook, VKontakte). Bitte nutzen Sie dies und auch die dort angebotenen Verknüpfungen zu den Informationen anderer deutscher und russischer Behörden. Unsere Reise- und Sicherheitshinweise werden derzeit nahezu täglich aktualisiert, siehe die Webseite.

Wir stehen zu COVID-19 – auch gemeinsam mit unseren Partnern – in engem Austausch mit russischen Stellen. Dabei, auch darauf muss ich hinweisen, erleben wir, wie sich manche Regelungen und Informationen der Behörden in dieser Phase des Ausbaus der Maßnahmen äußerst kurzfristig ergeben und rasch ändern.

Dies kann sehr konkret gelten für Bewegungsmöglichkeiten außerhalb der Wohnungen, für Zugänge zu medizinischer Versorgung, wie auch für die Ausreisemöglichkeiten aus Russland oder die Wiedereinreise. Es besteht also derzeit leider keine Klarheit, in welcher Frequenz Flüge wohin nach Europa in den kommenden Tagen und Wochen stattfinden sollen.

Wir werden Sie so gut mit der Aktualität versorgen, wie diese uns verlässlich vorliegt. Bitte denken Sie daran, sich zur Krisenvorsorgeliste für deutsche Staatsangehörige „Elefand“ anzumelden oder die dort gespeicherten Kontaktadressen zu aktualisieren.

Vergangene Woche wurden ursprünglich angesetzte Flüge der Aeroflot auch nach Berlin überraschend gestrichen, dann wurde ein Flug sehr kurzfristig doch durchgeführt. Und vor einigen Tagen hatten wir Sie beispielsweise über Elefand unterrichtet, dass unsere französischen Freunde einen Flug nach Paris organisieren und uns die Mitreise einiger Deutscher anbieten. Dieser Flug fand am vergangenen Sonnabend statt. Ein ähnliches Angebot haben wir für einen Flug nach Wien, der wahrscheinlich an diesem Dienstag starten kann, von unseren österreichischen Freunden erhalten. Ich habe mich bei meinen beiden Botschafter-Kollegen ausdrücklich für dieses starke Stück europäischer Solidarität bedankt.

Gleiches gilt für weitere zukünftige Ausreisemöglichkeiten, bei denen wir uns europäisch eng abstimmen, auch mit unseren europäischen Freunden, die nicht oder nicht mehr in der EU sind.

Dieser Tage waren Gedanken einer Schriftstellerin in einer deutschen Tageszeitung mit den Worten überschrieben: „Jetzt kommen neue Zeiten!“.

Dies drückt vor allem aus, dass wir den Blick auch auf die Zeit im Auge behalten sollten, in der das Virus hoffentlich bald unter Kontrolle sein wird und das Leben wieder seine gewohnten Bahnen gehen kann. Wobei wir bestimmt viel mitnehmen werden aus unseren Erfahrungen während dieser Periode – Erfahrungen des Miteinanders der Menschen, die aufeinander angewiesen sind, Erfahrungen mit den Maß-nahmen, die in unseren Ländern beschlossen werden, und auch Erfahrungen im Umgang der Staaten miteinander.

Auch diese Krise zeigt, wie wichtig Aufrichtigkeit und Vertrauen sind und Verlässlichkeit, im Zusammenleben auf allen Ebenen, von der Familie und Nachbarschaft, über die Qualität der Informationen die wir erhalten, bis hin zur Unterstützung, die sich Staaten gegenseitig zukommen lassen. Ich erwähne dies, da derzeit auch viel Ungeprüftes und Unwahres in Umlauf gebracht wird.

Und ich bin überzeugt, dass, trotz mancher Töne die rein nationale Lösungen suggerieren, kein Land, ja weder Regionen noch Kontinente diese Krise, die die ganze Welt umspannt, werden für sich alleine lösen können. Diese Herausforderung braucht Antworten über die Grenzen hinweg, auch für die Zeit danach. Dies wird alle Bereiche betreffen, das wirtschaftliche, das politische, und auch das gesellschaftliche Miteinander.

Gerade auch weil Deutschland ab Juni die EU-Ratspräsidentschaft innehaben wird, ist es mir wichtig auf die vielen Unterstützungsleistungen hinzuweisen, die sich europäische Länder untereinander auch zur Stunde geben, sei es mit dem Transport wichtiger Güter oder mit der Versorgung von schwer Kranken und Bedürftigen aus Nachbarländern – auch wenn dies oft nicht so hörbar kommentiert wird.

Und ich möchte auch hinweisen auf die ganz erheblichen wirtschaftlichen Unterstützungsprogramme, die viele europäische Länder und auch die Europäische Union selbst derzeit auf den Weg bringen. Denn Leidtragende an dieser Krise sind in allen Ländern auch diejenigen, die Märkte, Arbeit und Einkommen verlieren.
Dies gilt auch für Russland, das seinerseits Unterstützungspakete für das Land schnürt. Vielleicht kann gerade diese Phase, auch mit Blick auf die Zeit nach Corona, eine gute Chance sein um zu zeigen, dass uns in vielen wichtigen Bereichen wesentlich mehr verbindet als trennt.

Mit diesem Blick in die Zukunft kehre ich zu Ihnen zurück und bedanke mich schon jetzt für Ihre verantwortungsvolle Besonnenheit und Geduld in diesen Tagen und Wochen. Es wird für uns alle viele Gelegenheiten geben zu zeigen, dass sich Abstand halten und solidarisch sein gut verbinden lassen.

Ich wünsche Ihnen in dieser so ungewohnten Zeit schöne Ostertage, zu denen der Gedanke gut passt, dass wir mit unserem Verhalten nicht nur für uns selbst Sorge tragen, sondern auch für alle, denen wir begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Herzlichst Ihr
Géza Geyr

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