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Botschafter von Fritsch anlässlich der Eröffnung der Ausstellung 80 Jahre Münchner Abkommen

19.09.2018 - Pressemitteilung


 
Vorgetragen wurde eine gekürzte Fassung des nachstehenden Textes

Die Abkommen und Handlungen des Dritten Reiches am Vorabend des Zweiten Weltkrieges gehören zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte: Am 12. März 1938 wird der Anschluss Österreichs, wenngleich mit einheimischer Unterstützung erzwungen – ein Referendum unter Aufsicht einmarschierter Truppen des Nachbarlandes -, am 29. September werden mit dem Münchner Abkommen große Teile des tschechoslowakischen Staatsgebietes dem Deutschen Reich zugeschlagen und am 15. März 1939 wird der tschechische Staat vollständig liquidiert. Nur wenig später einigen sich Hitler und Stalin in zwei teils geheimen Verträgen, einem sogenannten Nichtangriffspakt und einem Freundschaftsvertrag, darauf, große Teile Ostmitteleuropas unter sich aufzuteilen. Am 1. September greift das Deutsche Reich Polen an und am 17. September rückt die rote Armee in den Osten des Landes ein, die baltischen Staaten werden besetzt, Finnland angegriffen und Rumänien verliert Teile seines Staatsgebietes. Und mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 erfährt der Zweite Weltkrieg noch einmal eine schreckliche Steigerung. All dieses lässt sich nicht getrennt voneinander denken – es ist der Teil der Geschichte, der Erinnerung und der Identität Europas, der Welt - aber zuvörderst eben auch meines Landes.

Daher ist es gut, der Ereignisse zu gedenken, so wie wir es heute tun. Dies geschieht natürlich auch in Deutschland – und besonders wichtig scheint mir dabei das Bemühen, die Erinnerung in internationaler Zusammenarbeit aufzuarbeiten. Das Original des Münchner Abkommens befindet sich im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes – dieser Tage aber in einer Ausstellung in Prag. Sicher gibt es in Deutschland auch Interesse und Bereitschaft, gemeinsam des Jahrestages der beiden genannten deutsch-sowjetischen Verträge im kommenden Jahr zu gedenken.

Das Münchner Abkommen bedeutet das Scheitern einer Politik, die glaubte, ein zu aggressiver Expansion bereiter Diktator lasse sich beschwichtigen und zügeln, indem man ihm entgegenkomme. Alles schien damals besser, als erneut einen großen internationalen kriegerischen Konflikt zu riskieren. Wer in den historischen Ton-Aufnahmen vom 30. September 1938 die jubelnde Menge hört, die den britischen Ministerpräsidenten nach seiner Rückkehr begrüßt, versteht, wie tief die Sehnsucht nach Frieden bei den Menschen verankert war, die alle noch die Schrecken des Ersten Weltkrieges vor Augen hatten. Ihre Hoffnungen sollten auf das schlimmste enttäuscht worden. Eine rücksichtslose und expansive Politik war durch Zugeständnisse nicht zu beschwichtigen. Eher war es so, dass Konzessionen den Appetit vergrößerten, zumal Hitlers Ziele mit dem Abkommen bei weitem nicht erreicht waren.

Wir erleben am Vorabend des Zweiten Weltkrieges das Scheitern einer Politik, die an die Stelle internationaler Regeln und Verträge den Anspruch stellt, das Recht selbst in die Hand nehmen zu dürfen. Einer Politik, die, statt internationale Normen einzuhalten, sich der Argumente des ‚Ja aber‘ – ‚eigentlich‘ und ‚irgendwie‘ bedient: „Ja aber irgendwie hat Hitler doch eigentlich Recht.„ Diese Sicht berief sich auf die Existenz von 3 Millionen Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei und den vermeintlich erforderlichen Minderheitenschutz. Einer Politik des 19. Jahrhunderts, in der große Mächte sich das Recht herausnahmen, das Schicksal der angeblich Kleineren festzulegen. Und die in zwei schrecklichen Kriegen furchtbar gescheitert ist.

Das Münchner Abkommen wurde vom Deutschen Reich, Italien, Großbritannien und Frankreich geschlossen – die Sowjetunion als europäische Macht war nicht beteiligt. Aber am schlimmsten war doch, dass der betroffene Staat selbst, die Tschechoslowakei, keine Mitsprache hatte, sondern lediglich mit vollendeten Tatsachen konfrontiert wurde. Und niemand ist der Tschechoslowakei zur Seite gesprungen, mögen die Gründe auch vielfältig gewesen sein. Das gilt auch für die Diplomatie der Sowjetunion, deren militärische Möglichkeiten allerdings begrenzt waren..

In der Folge steht die Sowjetunion – theoretisch - weiter auf Seiten der Tschechoslowakei – solange, bis Stalin mit Hitler gemeinsame Sache macht. Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages bricht die Sowjetunion die Beziehungen zur tschechoslowakischen Exilregierung ab und nimmt statt dessen diplomatische Beziehungen mit der Slowakischen Republik auf, mit dem Hitler ergebenen Tiso-Regime. Und im Oktober 1939 spricht Molotow in einer Rede Großbritannien und Frankreich das Recht dafür ab, nunmehr, in völliger Umkehr ihrer vorigen Politik, mit dem deutschen Diktator den Kampf aufzunehmen.

Aggression und Krieg, die von Deutschland ausgingen und so furchtbares Leid auch über die Menschen und Völker der damaligen Sowjetunion brachten, sind schrecklich auf Deutschland und die Deutschen zurückgefallen. Jene Sudetendeutschen, deren Gebiete 1938 mit dem Münchner Abkommen dem Deutschen Reich zugeschlagen wurden – und unter denen sich auch viele Antifaschisten befanden –, wurden nach Ende des Krieges vertrieben und umgesiedelt, mehr als drei Millionen Menschen verloren ihre Heimat, Tausende erlitten Leid an Leib und Seele oder kamen ums Leben. So wie Tausende vor ihnen durch deutsche Hand.

All der Schrecken, der von Deutschland ausging und auch auf uns zurückfiel, hat für mein Land, für die Deutschen tiefgreifende Folgen gehabt. Mit zum Schwersten hat es sicher gehört, sich zum eigenen Versagen zu bekennen. Aber ohne dem geht es nicht. Wir haben versucht Schlüsse daraus zu ziehen. Drei scheinen mir besonders wichtig:


1. Internationale Politik darf nicht von Willkür und Gewalt bestimmt sein. Es gibt kein Recht der Stärkeren, weder darauf, das Geschick der sogenannten Kleineren zu bestimmen, noch sich bei ihnen einzumischen, einzudringen oder sie einem Sicherheits-Kordon zuzuweisen. Es darf nur die Stärke des Rechts geben, der Regeln, Normen, Verträge und friedlichen Verständigung.
2. Mit der Möglichkeit eines Konfliktes sollte man nicht einmal spielen. Wir Deutsche erinnern uns 2018 auch daran, dass vor 400 Jahren der alles verheerende Dreißigjährige Krieg ausbrach. Aus scheinbar kleinen, begrenzten und politisch kontrollierbaren Konflikten entstand der schrecklichste Konflikt vor jenen des 20. Jahrhunderts. Seine Spuren hat er bei uns bis heute hinterlassen. In die Länge gezogen hat ihn die die Intervention äußerer Mächte, die einer militärischen Logik folgten und nicht an einer politischen Lösung arbeiteten.
3. Politik darf Geschichte nicht instrumentalisieren, indem sie sich auf falsche oder selektive Darstellung stützt. Oder indem sie eigene Vergangenheit übermäßig glorifiziert. Wie leicht fördern wir die z.B. die Bereitschaft zum Konflikt, wenn wir das Gedenken militarisieren, wenn wir bei Betrachtung des Krieges nur von glänzenden Siegen und leuchtenden Helden sprechen. Nur der Blick auf die ganze Geschichte, eben auch auf ihren Schrecken, ihre Niederlagen und eigenes Versagen wird der Vergangenheit gerecht und erlaubt es, aus ihr zu lernen.


Meine Damen Herren, im Münchner Abkommen hat einmal mehr die Politik der großen Mächte versagt, die zu Lasten der Kleineren eigene Regeln setzt und Tatsachen schafft – und mag es damals bei einigen in noch so guter, friedlicher Absicht gewesen sein. Sicher nicht beim Deutschen Reich.


Der Schluss, den wir nach der Katastrophe gezogen haben, war, dass nur ein gleichberechtigtes Miteinander aller die historische Antwort auf das Scheitern der Politik der großen Mächte sein kann. Für uns ist dies nirgends besser gelungen, als in der Europäischen Integration - trotz aller immer wieder neuen Herausforderungen. Wenn das Ergebnis multipolarer Ordnung das Scheitern gewesen ist, so muss die Antwort multilateral sein: Die Interessen aller werden so miteinander verschränkt, dass alle einen Vorteil haben und jeder, der dem anderen schaden will, sich selbst schadet. Und wo das Recht eines Staates verletzt wird, dürfen wir uns damit nicht einfach abfinden. Keine Völkerrechtsverletzung bleibt ohne Folgen und nichts verschwindet von allein.

Zugleich müssen wir den Blick darauf richten, dass es auch heute einen enormen Reichtum gemeinsamer Interessen und Zukunftschancen gibt, die wir nutzen können und müssen. Das gilt für die Gegner von einst, gilt gerade auch im Verhältnis von Deutschen und Russen. Uns verbindet so unendlich viel mehr, als uns trennt. Außenminister Lawrow hat darauf erst dieser Tage wieder in Berlin verwiesen. Und angesichts unserer Geschichte haben Deutsche und Russen auch eine große Verantwortung füreinander – und miteinander, für das Wohlergehen unseres großen Kontinentes.

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